Myanmar "Die Lady" hat ihr Herz verloren

Ohne Verständnis für die Rohingya: Aung San Suu Kyi.

(Foto: REUTERS)

In Myanmar wird die Minderheit der Rohingya unterdrückt und als Terrorvereinigung verfolgt. Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, einst die Hoffnung des Landes, macht mit dem Militärregime nun gemeinsame Sache.

Von Tobias Matern

Sie galt als Heldin, in einem Atemzug genannt mit Nelson Mandela und Mahatma Gandhi. Sie ließ sich nicht entmutigen, wählte immer den Weg des stillen Widerstands gegen eine brachiale Junta, wurde jahrelang unter Hausarrest gestellt. 1991 erhielt sie in Abwesenheit den Friedensnobelpreis, und fast ausschließlich ihr ist es zu verdanken, dass Myanmar, das früher Birma hieß, auch in seinen düsteren Jahren der Militärdiktatur nicht aus dem Bewusstsein der Weltöffentlichkeit geriet.

Aung San Suu Kyi blieb sich als Kämpferin gegen ein dreistes Militärregime stets treu. 1988 hatte sie einen Studentenaufstand in Myanmar unterstützt und gewann anschließend die Wahlen triumphal. Doch stahlen ihr die Generäle den Sieg und setzten sie fest. Aber sie ließ sich auch danach nie den Mund verbieten. "Die Lady", wie ihre Anhänger sie zärtlich nannten, blieb in ihrem Land, entschied sich selbst dann gegen die Ausreise, als ihr britischer Mann in Oxford im Sterben lag. Aung San Suu Kyi wusste: Verlässt sie ihre Heimat, wird sie nicht mehr zurückkommen dürfen. Als "eine Inspiration für alle, die sich in Birma und weltweit für Menschenrechte einsetzen", adelte Barack Obama sie.

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Im Drama um die in Myanmar diskriminierten Rohingya hat das Heldenimage von Aung San Suu Kyi nun aber schwer gelitten. Sie ist, mit Duldung der Generäle, mittlerweile de facto die Regierungschefin und spricht, wie früher nur das Militär über den Konflikt gesprochen hat. Sie lässt keine Empathie erkennen, verurteilt nicht einen kleinen Teil der Rohingya als gewalttätig, sondern die ganze Bevölkerungsgruppe. Die Friedensnobelpreisträgerin versteigt sich zu der Aussage, die Unterstützung für die Rohingya diene den "Interessen von Terroristen".

Dafür erntet sie harsche Kritik. "Sie war und ist noch immer eine politische Anführerin, aber eine Anführerin, die weder führen noch liefern kann", sagt der bekannte myanmarische Analyst Khin Zaw Win. Phil Robertson von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch geht noch einen Schritt weiter. Aung San Suu Kyi mache sich in der Rohingya-Krise mit der Armee gemein: Sie schweige über die Gewalt, die das Militär gegen Zivilisten anwende. "Dafür wird sie von der internationalen Gemeinschaft zu Recht kritisiert, und es stellt sich die Frage, was aus der Heldin im Kampf für Menschenrechte und Demokratie in Birma geworden ist", sagt Robertson.

Auch Co-Friedensnobelpreisträger melden sich zu Wort. Desmond Tutu fordert Aung San Suu Kyi in einem offenen Brief auf, sich für ein Ende der Gewalt gegen die Rohingya einzusetzen: "Wenn der politische Preis Ihres Aufstiegs zum höchsten Amt in Myanmar Schweigen ist, dann ist es gewiss ein zu hoher Preis", schreibt der frühere Erzbischof von Kapstadt. Und die Pakistanerin Malala Yousafzai, Preisträgerin von 2014, erklärt öffentlich, über das Leid der muslimischen Minderheit in Myanmar "können wir jetzt nicht länger schweigen".

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Doch genau das tut Aung San Suu Kyi, die einen so langen Kampf hinter sich hat. Im Jahr 2010 schien sie ihr Ziel erreicht zu haben. Die Junta entschloss sich, die Unbeugsame nach langem Hausarrest freizulassen und setzte Wahlen an. Bei den von oben durchgeführten Reformen hat das Militär darauf geachtet, trotz einer nun gewählten zivilen Regierung seine Macht nicht ganz zu verlieren. Es hat sich Schlüsselministerien gesichert und auch Abgeordnete im Parlament platziert, um Verfassungsänderungen blockieren zu können.

Teil dieser Verfassung ist der Passus, dass niemand in Myanmar Staatschef werden darf, dessen Angehörige einen ausländischen Pass besitzen. Eine Regelung, die sich gegen Aung San Suu Kyi richtet, deren Kinder britische Staatsbürger sind. Und so muss die frühere Aktivistin als Politikerin vor allem lavieren. Als sogenannte Staatsrätin führt sie den zivilen Teil der Regierung. Aber sie kämpft nicht mehr gegen das Militär, sondern sucht die Zusammenarbeit. In der Rohingya-Frage vertritt sie die Mehrheitsmeinung in ihrem Land: Die meisten Myanmaren wollen der muslimischen Minderheit keine Rechte zubilligen.

Die neue und die alte Aung San Suu Kyi - sie passen nicht recht zusammen. Noch im Jahr 2012 hielt sie in Oslo eine bewegende Rede. Darin sprach sie über die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, aus der sie in den Jahren der Isolation immer wieder Mut geschöpft habe. Auch forderte sie damals eine Welt "ohne Vertriebene, Heimat- und Hoffnungslose". Nun sitzt sie selbst mit an der Macht und könnte für dieses Ziel kämpfen. Aber offensichtlich haben sich ihre Prioritäten verschoben.

Schon werden erste Forderungen laut, der Nobelpreis solle ihr aberkannt werden. Für Phil Robertson von Human Rights Watch steht fest, dass es in Myanmar im Moment viele Verlierer gibt: die Rohingya, die fliehen müssen, während ihre Dörfer in Flammen aufgehen. Aber auch Aung San Suu Kyi, deren Reputation großen Schaden nehme: "Diejenigen, die in ihr immer noch eine Friedensnobelpreisträgerin sehen, müssen ihre Meinung vielleicht ändern."

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