Augenzeugenbericht Der nordkoreanische Gulag

Ein Dokument des Grauens: Die Nordkoreanerin Soon Ok Lee wurde wegen "mangelnden Vertrauens in die Mutterpartei" in ein Straflager gesteckt. Später berichtete sie über ihren Alltag als Gefangene im Lager von Kaechon.

Zu zwölf Jahren Umerziehung verurteilte ein nordkoreanisches Gericht die beiden US-Journalistinnen Euna Lee und Laura Ling vergangene Woche. Der Begriff lässt kaum ahnen, welches Grauen die beiden Frauen erwartet. Nur wenig ist über das Lagersystem in Nordkorea bekannt, weil es nur wenige überleben. Soon Ok Lee überlebte nicht nur, sie konnte fliehen und lebt heute in Seoul. Ihre Aussage vor dem Justizausschuss des amerikanischen Senats am 21. Juni 2002 ist ein eindringliches Dokument von der Lage in nordkoreanischen Straflagern. Wir zeigen es hier in einer gekürzten Fassung. (Übersetzung: Annette Meyer-Prien)

Ich war eine ganz normale Bürgerin Nordkoreas, dem Führer und der Partei treu ergeben, und ich glaubte, Nordkorea sei ein Paradies des Volkes. Seit 14 Jahren war ich Direktorin des Versorgungsamts der Regierung für Parteikader, als ich 1984 unter der falschen Anschuldigung, Regierungseigentum unterschlagen zu haben, verhaftet wurde.

Während einer vierzehn Monate dauernden Voruntersuchung wurde ich gefoltert und am Ende gezwungen, die falschen Anschuldigungen zuzugeben. Ein Schnellgericht verurteilte mich schließlich zu einer Gefängnisstrafe von dreizehn Jahren. Nach fünf Jahren kam ich 1992 durch eine überraschende Amnestie frei.

Während der ersten sechs Monate im Gefängnis hatte ich kurz in allen Betrieben des Gefängnisses gearbeitet, bevor mir aufgrund meiner betriebswirtschaftlichen Ausbildung eine Arbeit in der Buchhaltung zugewiesen wurde. Ich überlebte die jahrelangen Qualen, weil ich eine relativ leichte Büroarbeit als Buchhalterin für die Gefängnisleitung hatte. Neben den offiziellen Vollzugsanstalten für politische Gefangene gibt es noch zwei oder drei geheime politische Gefängnisse. Gefangene, die gegen die Parteirichtlinien verstoßen haben sollen, werden von einen Schnellgericht dorthin geschickt.

Ich war Insassin eines dieser politischen Gefängnisse Nordkoreas. Ein Gefangener an diesem Ort darf weder reden noch lachen, er darf nicht singen und er darf nicht in den Spiegel sehen. Wenn sie von einem Wärter aufgerufen werden, müssen sich die Gefangenen auf den Boden knien und den Kopf tief gesenkt halten. Sie dürfen nichts sagen, nur auf Fragen antworten. Die Babys internierter Frauen werden sofort nach der Geburt getötet. Die Gefangenen müssen 18 Stunden täglich Sklavenarbeiten verrichten. Wer mehr als einmal sein Arbeitspensum nicht schafft, kommt für eine Woche in die Strafzelle.

Die Vorverhandlung sollte um zehn Uhr in meinem früheren Büro stattfinden, in dem ich jahrelang als loyales Parteimitglied gearbeitet hatte. Ich fragte, ob es möglich sei, vor der Hauptverhandlung meinen Mann zu sehen. "Ihr Mann ist nicht hier. Versuchen Sie nie, sich mit einer anderen Person zu treffen, verstanden!", war die Antwort. Meinem Anwalt begegnete ich zum ersten Mal im Gerichtssaal. Das Gericht bestand aus einem Richter, einem Staatsanwalt, dem Anwalt und einer "Jury" aus zwei Geschworenen. Der Mann, der mich verhört hatte, war auch da. Der Richter sagte ein paar Sätze zu den Anschuldigungen gegen mich und fragte, ob ich mich zu der Anklage bekenne.

Vorher, beim Verhör, hatte ich versprochen, mich schuldig zu bekennen, aber in dem Moment konnte ich mich einfach nicht zusammennehmen. "Euer Ehren", sagte ich, "ich habe niemals staatliches Eigentum unterschlagen oder gegen irgendeine Parteirichtlinie verstoßen. Niemals! Ich bin unschuldig. Bitte ermöglichen Sie eine faire Untersuchung in meinem Fall." Die zwei Wärter an meiner Seite schrieen los: "Du bist wohl verrückt geworden!", und fingen an, mir in die Kniekehlen zu treten. In dem Moment erklärte der Richter die Voruntersuchung für abgeschlossen.

"Bekennen Sie sich schuldig"

Nach dieser Voruntersuchung, die keine 15 Minuten gedauert hatte, wurde ich bis zur Hauptverhandlung um 17 Uhr am selben Nachmittag in einer Polizeizelle festgehalten. Man gab mir weder Wasser noch etwas zu essen. Meine Befrager quälten mich die ganze Zeit über mit derselben Drohung: "Was ist mit deinem Mann und deinem Sohn? Wenn du dich vor Gericht schuldig bekennst, wird ihnen nichts geschehen. Wenn nicht, weißt du ja, was mit ihnen passieren wird."

Als mich der Richter bei der Verhandlung am Nachmittag fragte: "Bekennen Sie sich schuldig im Sinne der Anklage?", musste ich ja sagen. Es wurden keine Beweise vorgelegt, und es sagte auch niemand gegen mich aus. Der Richter kümmerte sich nicht darum, dass Beweise fehlten und keine Zeugen erschienen und verurteilte mich wegen Verstoßes gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung und Unterschlagung von Staatseigentum zu 13 Jahren Gefängnis. Der Anwalt blieb während der gesamten Verhandlung stumm. Meine Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe stand von vornherein fest, das Gerichtsverfahren war reine Formalität.

Zum Frauengefängnis von Kaechon gehören folgende elf Arbeitsbereiche: ein Herstellungsbetrieb für verschiedenste Waren, einer für Exportwaren, eine Schuhfabrik, eine Leder- und Gummi-Fabrik, eine Fabrik zur Herstellung von Kleidung, eine Stoffzuschneiderei, eine Arbeitsvorbereitungseinheit, eine Wartungseinheit, eine Strafeinheit, eine Landbauabteilung und eine Küchenabteilung. Die Häftlinge müssen bei der Arbeit stets die Köpfe gesenkt halten und jede Bewegung außer den für ihre Arbeit nötigen vermeiden. Über die Hälfte der weiblichen Häftlinge hat einen Buckel, Beulen am Kopf oder im Schulterbereich oder ist auf eine andere Art verkrüppelt. Die Frauen in der Schuhfabrik sind fast alle kahl.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Frauen untergebracht sind.

"Zerstört fremde Mächte"

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