Massaker in Provinz Hama Syrische Opposition ruft um Hilfe auch ohne UN-Resolution

Sie kamen mit Panzern und Messern: Syrische Regierungstruppen haben nach Angaben von Aufständischen in der Provinz Hama ein Blutbad angerichtet und mehr als 200 Menschen getötet. Die Opposition macht den Vereinten Nationen schwere Vorwürfe - und fordert ein sofortiges Eingreifen. Das syrische Regime hat nach Angaben einer US-Zeitung damit begonnen, Chemiewaffen aus den Lagern zu holen.

Syrische Regierungstruppen haben offenbar ein neues Massaker an Zivilisten verübt. Mindestens 200 Menschen seien in der Ortschaft Treimsa (al-Tremseh) in der zentralsyrischen Provinz Hama getötet worden, berichteten Menschenrechtsaktivisten und Aufständische. Der Chef der in London ansässigen Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman, sagte, sollte sich die Opferzahl bestätigen, wäre Treimsa das schlimmste Massaker seit dem Beginn des Aufstands in Syrien im März 2011.

Der Rebellenführer Abu Mohammed sprach sogar von mehr als 220 Toten, 300 Menschen seien verletzt worden. Ein Dorfbewohner habe ihm am Telefon berichtet, dass Treimsa zehn Stunden lang beschossen worden sei. Ein Aktivist in Hama sagte, die Truppen hätten eine Moschee beschossen, in der zahlreiche Menschen Zuflucht gesucht hätten. Die Moschee sei eingestürzt und habe die Menschen unter sich begraben.

"Etwa 30 Armeefahrzeuge kamen und umstellten das Dorf vollständig", sagte ein weiterer Aktivist. "Wer durch die Felder zu entkommen versucht, wurde beschossen."

Nach den Angriffen mit Hubschraubern und Panzern seien Soldaten mit leichten Waffen in das Dorf eingedrungen, gefolgt von "mit Messern bewaffneten" Schabiha-Milizionären. "Ganze Familien wurden getötet", sagte Ibrahim.

Die amtliche syrische Nachrichtenagentur Sana berichtete dagegen, die Armee bekämpfe eine Gruppe "Terroristen" in dem Ort und habe diesen "schwere Verluste" zugefügt. Auch drei Soldaten seien getötet worden. Eine unabhängige Überprüfung der Angaben zu den Kämpfen und den Opfern in Treimsa war zunächst nicht möglich.

Russland kündigt Veto an

Russland bezeichnete einen vom Westen eingebrachten Resolutionsentwurf zu Syrien als "inakzeptabel" und drohte mit seinem Veto im UN-Sicherheitsrat. "Insgesamt ist dieses Projekt nicht ausgeglichen", da allein die syrische Regierung Pflichten auferlegt bekomme, sagte der russische Vize-Außenminister Gennadi Gatilow nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax. Sollte am Donnerstag in New York darüber abgestimmt werden, werde Russland sein Veto einlegen.

Russland ist ein enger Verbündeter der Regierung von Syriens Präsident Baschar al-Assad. Zuvor hatten die Botschafter der fünf UN-Vetomächte - USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien - in New York erstmals über den Text beraten, der von den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland eingebracht worden war.

Der Text setzt Damaskus eine zehntägige Frist zum Rückzug der Truppen aus den Städten und droht andernfalls mit der Verhängung von Wirtschaftssanktionen gemäß Kapitel VII der UN-Charta. Zudem verlängert er das Mandat der UN-Beobachtermission in Syrien um 45 Tage.

Muslimbrüder machen Annan mitverantwortlich

Nach Ansicht der syrischen Opposition trägt die Internationale Gemeinschaft mit Schuld an dem jüngsten Massaker. Basma Kadhmani, ein führendes Mitglied des Syrischen Nationalrates, erklärte, der Tod von Dutzenden von Menschen in Tremseh zeige die logische Verbindung zwischen den Initiativen, die bis heute umgesetzt wurden, und dem Blutvergießen vor Ort.

Es sei nicht genug, darauf zu verweisen, dass der Sicherheitsrat wegen des Widerstandes von Russland handlungsunfähig sei: "Die Staaten, die ernsthaft die Absicht haben, das syrische Volk zu schützen, müssen zusammenkommen und handeln - notfalls auch außerhalb des Rahmens des Sicherheitsrates", so Kadhmani.

Die syrischen Muslimbrüder haben den internationalen Sondergesandten Kofi Annan für die Gewalttat sogar persönlich mitverantwortlich gemacht. Nicht allein Syriens Präsident Baschar al-Assad sei verantwortlich für das Verbrechen, sondern auch Annan, der Iran, Russland und "alle Länder der Welt, die behaupten, für den Schutz von Frieden und Stabilität in der Welt verantwortlich zu sein, aber schweigen", erklärte die islamistische Bewegung.

Bericht über Chemiewaffen

Das syrische Regime hat indes nach einem Zeitungsbericht indes damit begonnen, Chemiewaffen aus den Lagern zu holen. Die US-Regierung sei deswegen alarmiert, berichtete das Wall Street Journal. Unklar sei, ob die Waffen vor Aufständischen in Sicherheit gebracht oder einsatzbereit gemacht werden, womöglich auch nur als Drohgebärde, zitiert das Blatt Regierungsvertreter in Washington. Syrien besitze größere Mengen des Nervenkampfstoffes Sarin und Senfgas.

Die humanitäre Lage in Syrien hat sich nach Einschätzung des Deutschen Roten Kreuzes in den vergangenen Wochen deutlich verschlechtert. Mittlerweile sind von den Auseinandersetzungen 1,5 Millionen Zivilisten direkt betroffen, die dringend auf Hilfe angewiesen sind, sagte DRK-Präsident Rudolf Seiters.