Aufstand gegen Hitler vor 70 Jahren Wert der Zivilcourage

Portrait von Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Petrus Wandrey, 2004) in der neuen Ausstellung "Attentat auf Hitler. Stauffenberg und mehr" im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden (bis zum 4. November)

(Foto: AP)

Mahnung, Lehre und Appell des 20. Juli 1944: Ziviler Ungehorsam kann auch 70 Jahre nach Stauffenbergs Hitler-Attentat geboten sein. Widerstand in der Demokratie heißt aufrechter Gang. Er heißt Amnesty, Greenpeace, Pro Asyl und Edward Snowden.

Von Heribert Prantl

Noch am Abend des 20. Juli wurden Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitverschwörer Friedrich Olbricht, Albrecht Ritter Merz von Quirnheim und Werner von Haeften im Hof des Bendlerblocks in Berlin erschossen. Viele der anderen Widerstandskämpfer gegen Hitler hat dann Roland Freisler, der tobende Präsident des "Volksgerichtshofs", in Schau- und Schreiprozessen zum Tode verurteilt.

Diese Widerstandskämpfer waren überwiegend keine Demokraten; nicht wenige von ihnen hatten zuvor dem NS-Regime gedient, waren selbst in unterschiedlichem Maß schuldig geworden. Sie hatten aber, mit sich ringend, den Weg zum Widerstand gefunden - und boten nun dem Totalitätsanspruch des NS-Staates mit kühner Widerspenstigkeit die Stirn. Vor dem Unrechtsrichter Freisler stand ein anderes, ein besseres Deutschland. Mit bemerkenswerter Unerschrockenheit traten sie dem Henker entgegen. Das ist jetzt siebzig Jahre her.

Ihre zweihundert Namen müssten eigentlich als Überschrift und Präambel über dem Grundgesetzartikel 20 Absatz 4 stehen; und neben ihren, meist aristokratisch-konservativen Namen müssten die Namen der linken Widerständler stehen, von denen so viele in den Konzentrationslagern elendig umkamen. Dazu die Namen der Mitglieder der Weißen Rose und der von Georg Elser, der schon 1939 im Münchner Bürgerbräukeller eine Bombe gegen Hitler zündete. Dieser Artikel 20 Absatz 4 ist ihr Artikel: "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist".

Appell an die Courage der Demokraten

Dieser Satz des Grundgesetzes ist eine Lehre aus verbrecherischer Zeit, er ist Mahnung, er ist Appell - und er ist auch Aufforderung, nicht so lange zu warten, bis "andere Abhilfe nicht mehr möglich ist", also nicht erst dann aufzustehen, wenn es zu spät ist. Der Widerstands-Artikel appelliert an die Courage der Demokraten, es nicht so weit kommen zu lassen, dass man den großen Widerstand braucht. Dieser Artikel ist auch eine Werbung für den kleinen, für den gewaltlosen Widerstand.

Man sollte die Widerständler vom 20. Juli nicht zu Märtyrern der bundesdeutschen Demokratie machen, die sie nicht sind; und nicht für Werte in Anspruch nehmen, die sie zu ihren Lebzeiten nicht unbedingt geteilt haben. Man darf sie als Vorläufer der neuen Ordnung sehen. Wenn man den Artikel 20 Absatz 4 das Vermächtnis des 20. Juli und des gesamten Widerstands gegen Hitler nennt, dann erinnert man damit an die große Schwäche des Bürgertums im Nazi-Reich: Es gab keinen Widerstand aus der politischen Mitte. Deshalb beschreibt der Widerstandsartikel des Grundgesetzes die Ultima-Ratio-Verteidigung für die Demokratie, den Sozialstaat und die Bindung an Recht und Gesetz.

Wie die Welt Hitler sah

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