Aufrüstung in Islamabad Pakistan - bald viertgrößte Atommacht

Nirgendwo wächst das Atomwaffenarsenal schneller als in Pakistan. In weniger als einem Jahrzehnt könnte das chronisch instabile Land zur viertstärksten Atommacht der Welt aufsteigen.

Von Paul-Anton Krüger

Pakistan verstärkt seine nukleare Aufrüstung weiter, obwohl das Atomwaffenarsenal des Landes bereits schneller wächst als jedes andere. Das unabhängige Institute for Science and International Security in Washington veröffentlichte am Donnerstag Satellitenbilder, die zeigen, dass Pakistan begonnen hat, in seinem Atomzentrum Khushab einen vierten Reaktor zur Plutoniumproduktion zu errichten. Experten gehen davon aus, dass das Land in weniger als einem Jahrzehnt zur viertstärksten Atommacht nach den USA, Russland und China aufsteigen könnte.

Damit dürfte sich das atomare Wettrüsten in Südasien deutlich verschärfen, auch wenn Pakistan und Indien sich jüngst darauf verständigt haben, wieder Friedensgespräche zu führen. Diese waren nach dem Anschlag in Mumbai 2008 abgebrochen worden.

Die Fotos zeigen einen Grundriss, der jenem des zweiten und dritten Reaktors gleicht. Pakistan hatte den ersten Reaktor in Khushab nach eigenen Angaben 1998 in Betrieb genommen und zwei bis vier Jahre später mit dem Bau des zweiten, wesentlich größeren Kraftwerks begonnen. Anzeichen für den Bau eines dritten Reaktors gab es in Satellitenbildern von Anfang 2007. Im Februar vergangenen Jahres hatte Premier Jusuf Raza Gilani Khushab besucht, kurz nachdem der zweite Reaktor in Betrieb gegangen war. Auf den neuen Aufnahmen ist Dampf über dessen Kühltürmen zu erkennen, ein Zeichen, dass die Anlage in Betrieb ist. Die Reaktorhalle und Gebäude des benachbarten dritten Reaktors sind zumindest äußerlich fertiggestellt.

Indien eingeholt oder bereits überrundet

Pakistan hat laut übereinstimmenden Schätzungen von Experten sein Arsenal inzwischen auf etwa 100 bis 110 Sprengköpfe aufgestockt und damit seinen Rivalen Indien eingeholt oder sogar hinter sich gelassen. Dessen Streitkräfte sollen über 60 bis 100 Nuklearwaffen verfügen. Zudem soll Pakistan genug spaltbares Material - Plutonium und hochangereichertes Uran - für 40 bis 100 weitere Waffen produziert haben.

Bei Amtsantritt von US-Präsident Barack Obama Anfang 2009 hatte die US-Regierung das pakistanische Arsenal auf 70 bis 80 Waffen geschätzt. Dass Islamabad verstärkt auf Plutonium setzt, spricht dafür, dass es sein Arsenal grundlegend modernisieren will, denn mit diesem Material lassen sich kleinere Sprengköpfe mit größerer Sprengkraft bauen als mit Uran.

Pakistan begründet den Ausbau seines militärischen Nuklearprogramms damit, Indien abschrecken zu müssen. Auch will es seine Unterlegenheit bei den konventionellen Streitkräften ausgleichen. Die Notwendigkeit dafür hat sich aus Pakistans Sicht dadurch verschärft, dass die USA unter Präsident George W. Bush eine strategische Partnerschaft mit Delhi eingegangen waren. Washington hat durchgesetzt, dass Indien auf dem Weltmarkt Atomtechnologie und Uran für zivile Zwecke einkaufen kann, obwohl es wie Pakistan nicht den Atomwaffensperrvertrag akzeptiert hat.

Indien unterstellte dafür zwar einige seiner Atomanlagen der Kontrolle der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA. Allerdings befürchtet Pakistan, dass Indien die verbliebenen, nicht kontrollierten Anlagen und seine eigenen, begrenzten Uranreserven nun verstärkt zur Waffenproduktion nutzen kann. "Pakistan ist total darauf konzentriert, mit seinem Atomprogramm ein Gegengewicht zu dem diplomatischen Erfolg Indiens zu schaffen", sagt Nuklear-Experte Mark Hibbs von der Carnegie-Stiftung.

Präsident Obama hält an der Politik seines Vorgängers fest, obwohl er es zu einem seiner wichtigsten außenpolitischen Ziele gemacht hat, die Weiterverbreitung von Atomwaffen einzuschränken. Das Abkommen zwischen Indien und den USA sei in dieser Hinsicht "ein klarer Rückschlag" gewesen, bemängelt Hibbs. Es signalisiere Ländern wie Iran, dass sich der Besitz von Nuklearwaffen auszahle, um eine bessere Verhandlungsposition zu erlangen. Zudem verstärke es bei vielen Mitgliedstaaten des Sperrvertrags die Auffassung, dass der Westen den Pakt ignoriert, wenn es seinen politischen Interessen nutzt. Den USA geht es auch darum, Indien als Gegengewicht zum Aufsteiger China zu stärken.

Peking beabsichtigt nun, Pakistan zwei Atomkraftwerke zu liefern, obwohl Islamabad mit seiner Forderung gescheitert ist, ebenfalls eine Ausnahme von Lieferbeschränkungen zu erhalten. Zudem blockiert Pakistan Bemühungen der USA, bei der an das Konsensprinzip gebundenen Abrüstungskonferenz in Genf Verhandlungen über einen Vertrag in Gang zu bringen, der die Produktion von spaltbarem Material für Atomwaffen verbieten soll - ein Kernstück der Abrüstungsinitiative von Präsident Obama.