Ein Kommentar von Rudolph Chimelli

Europa sollte sich vor der Beteiligung an einer Friedenstruppe hüten, weil die Risiken zu groß sind.

Es ist leichter, einen Krieg zu beginnen als ihn zu beenden. Wie nach einer Waffenruhe die Grenze zwischen dem Libanon und Israel dauernd gesichert werden soll und vor allem, wer diese Aufgabe übernimmt, ist noch völlig unklar. Die Europäer - aus bekannten historischen Gründen an erster Stelle die Deutschen - sollten sich drei Mal überlegen, ob sie sich auf dieses riskante Unternehmen einlassen, ob allein oder im Verbund mit anderen. Denn das Modewort vom "robusten Mandat" löst kein Problem.

UNIFIL-Soldaten im Libanon. Deutschland muss nicht überall dabei sein. (© Foto: AFP)

Anzeige

Wie sähe die Aufgabe einer solchen Friedenstruppe aus? Soll sie den Libanon vor Israel schützen? Allein die Vorstellung ist absurd, dass ein internationales Mandat die Vollmacht enthalten könnte, auf israelische Soldaten zu schießen. Soll die Truppe also Verletzungen der Waffenruhe beobachten und melden, wie es die bisherige UN-Truppe Unifil wirkungslos seit bald vier Jahrzehnten tut? Ihre Blauhelme können sich nur ducken, wenn die Raketen über ihre Köpfe hinwegfliegen.

Am verwegensten ist die Idee, eine neue Truppe solle die Hisbollah entwaffnen. Der schwache libanesische Staat könnte es nie, ohne einen neuen Bürgerkrieg zu entfachen. Denn die Hisbollah ist als stärkste Vertretung der schiitischen Volksgruppe ein integraler Teil des prekären libanesischen Konfessionsgefüges. Die Israelis schaffen es ebenfalls nicht, die Hisbollah zu entwaffnen, wie ein Monat Krieg gerade gezeigt hat. Und die Amerikaner wollen es nicht - mit Recht. Einen neuen Kriegsschauplatz im Nahen Osten möchten sie sich nicht aufladen.

Nie war das Selbstbewusstsein der Hisbollah größer als jetzt

Was aber würde die Europäer erwarten? Im besten Falle wären sie noch exponierter als es jetzt ihre Verbände in Afghanistan schon sind. Die Hisbollah ist kein politischer Monolith und ihre Milizen funktionieren ohne zentrales Kommando, dem alle gehorchen. Kein Hisbollah-Minister im Beiruter Kabinett könnte garantieren, dass alle Kämpfer seiner Organisation eine Pufferzone respektieren. Für einen solchen Konsens ist zu viel Blut geflossen und zu viel Pulver verschossen worden. Und nie war das Selbstbewusstsein der Hisbollah-Kämpfer größer als jetzt. Sie haben den Israelis länger standgehalten als jede arabische Armee. Der Politologe Dominique Moisi vom französischen Institut für internationale Beziehungen bescheinigt ihnen deshalb: "Sie haben schon gewonnen, weil sie nicht verloren haben."

Es gehört wenig Phantasie dazu, um ein Szenario zu entwerfen, in dem es zu Infiltrationen in die Pufferzone kommt, zu Reibereien zwischen der internationalen Truppe und der Hisbollah, zu Verlusten und zur Eskalation. Die wahrscheinlichste Variante ist leider, dass Soldaten aus der EU sich früher oder später in einer ähnlichen Lage befänden, wie jetzt die Amerikaner im Irak. Damit wäre niemandem gedient, weder den Libanesen noch den Israelis, noch der Weltgemeinschaft.

Käme es dazu, wäre den Europäern bereits ein Verlust sicher: Sie hätten ihre Befähigung zum Vermittler in Nahost auf lange Zeit verspielt, vielleicht für immer. Zum ehrlichen Makler wären sie danach so wenig geeignet wie die USA, deren Träumereien für den Nahen Osten die Albträume der islamischen Welt sind.

Wer eine haltbare Lösung sucht, darf nicht nur mit Freunden reden. Er muss Feinde und Rivalen mit an den Tisch nehmen, die Hisbollah, Syrien, Iran. Erst so wäre eine Lösung nach allen Seiten abgesichert. Sie würde freilich Konzessionen kosten, und bisher sieht es nicht so aus, als ob der Westen bereit wäre, einen hohen Preis zu zahlen. Den Blutzoll entrichten jeden Tag die Libanesen. Aber es gibt keinen Grund, weshalb die Europäer sich an der Zeche beteiligen sollten.

"The Germans to the front!" war ein Lob, an dem sich die Deutschen vielleicht vor hundert Jahren freuen konnten. Die Euphorie dauerte nicht lange. Heute muss Deutschland nicht überall dabei sein.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 9. August 2006)