Attacke in Hamburg Wenn Flüchtlinge sich erst nach der Ankunft radikalisieren

Ein Polizeibeamter der Spurensicherung am 28.07.2017 in Hamburg vor dem Supermarkt, in dem Ahmad A. eine Person tötete und weitere verletzte.

(Foto: Markus Scholz/dpa)
  • Ahmad A., der Messerstecher in einem Hamburger Supermarkt, hat in stundenlanger Aussage seine Beweggründe dargelegt.
  • Kurz nach seiner Flucht nach Deutschland sagte er, er sei nicht religiös und hasse niemanden. In der Vernehmung datiert er sein Interesse am IS schon auf 2014.
  • Die Relevanz des Falls reicht über Ahmad A.s Schuld hinaus: Zu klären ist, warum die Behörden von seiner psychischen Labilität wussten und nicht einschritten.
Von Georg Mascolo, Hamburg

Der Tag, an dem Ahmad A. zum Mörder werden wird, beginnt früh für ihn, es ist vier Uhr, als der 26-Jährige in der Flüchtlingsunterkunft in Hamburg-Langenhorn das Morgengebet beginnt. Es ist noch dunkel in dem Containerdorf, in dem der Palästinenser lebt. Haus 4, zweiter Stock, Zimmer 429.

Die Entscheidung, möglichst viele "Christen und Jugendliche" zu töten, wird er erst später an diesem Freitag, 28. Juli, fällen. Und auch den Entschluss, bei der Tat selbst als "Märtyrer" sterben zu wollen. Zunächst legt er sich wieder bis acht Uhr schlafen, trinkt einen Tee mit seinen Mitbewohnern und erscheint pünktlich zum Deutschunterricht, den er allerdings eine Stunde früher verlässt. Er müsse zum Ausländeramt, sagt er. Da erscheint Ahmad A. auch und fragt, ob endlich seine Papiere gekommen seien, er wolle zurück nach Gaza. Freiwillig. So etwas haben sie nicht oft in der Behörde, Ahmad A. gilt als kooperativ und verbindlich.

Vom Ausländeramt sollte es eigentlich zurück nach Langenhorn gehen, aber Ahmad A. entscheidet sich, ein Gebetshaus aufzusuchen. Der Imam dort erzählt in seiner Predigt von der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg in Jerusalem, einem der großen Heiligtümer des Islam. Gerade erst wieder gingen die Bilder von Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und der israelischen Polizei dort um die Welt. Nichts spricht dafür, dass der Imam eine aufrührerische Predigt hält. Aber in Ahmad A. hat sie etwas ausgelöst. Er entscheidet sich zur Tat.

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Ahmad A. hat in stundenlanger Aussage ein Geständnis abgelegt

Zunächst überlegt er, ein Auto oder einen Lastwagen zu stehlen und einen Anschlag wie in Nizza oder auf dem Berliner Weihnachtsmarkt zu begehen. Schließlich greift er sich ein Küchenmesser, das er in einem Edeka-Markt nahe der Moschee aus der Auslage nimmt, und sticht wahllos auf Menschen ein. Einer stirbt, sieben werden verletzt.

Den Fall hat inzwischen wegen der besonderen Bedeutung der Generalbundesanwalt übernommen, es ist die erste tödliche Attacke auf deutschem Boden in diesem Jahr. Nun muss geklärt werden, ob dies ein klassischer Akt des Terrorismus war. Ein Gutachter ist bestellt, Ahmad A. soll psychiatrisch untersucht werden. In der Haftanstalt gelten besondere Vorkehrungen, in jedem Fall soll verhindert werden, dass sich A. selbst etwas antut.

Die Ermittlungen schreiten zügig voran, und das liegt nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR vor allem an Ahmad A. selbst. Nachdem er zunächst unter Verweis auf Kopfschmerzen eine Befragung durch das Hamburger Landeskriminalamt ablehnte - und nur erklärte, er sei "Terrorist" - hat er inzwischen stundenlang ausgesagt und ein langes Geständnis abgelegt.

Tatsächlich muss es in ihm schon 2014 anders ausgesehen haben

Es ist ein verstörender Einblick in die Psyche einen Mannes, der noch bei seiner Befragung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge versicherte: "Ich möchte auch sagen, dass ich nie Probleme gemacht habe, weder in Norwegen, noch in den anderen Ländern, in denen ich war." In einem von Spiegel-TV veröffentlichten Interview, in dem Ahmad A. mit Flüchtlingshelfern sprach, sagte er: "Ich bin als Moslem geboren, aber bin selbst nicht religiös. Ich glaube an gute Werte. Ich hoffe auf Frieden und hasse niemanden."

Tatsächlich muss es da in Ahmad A. schon anders ausgesehen haben, in seiner Vernehmung beschreibt er, wie er bereits 2014 beginnt, sich mit der radikalen Ideologie des sogenannten Islamischen Staates zu beschäftigen. Aber es scheint eher ein Suchen, ein Schwanken gewesen zu sein: Ob er sich den Werten und den Moralvorstellungen des Westens anschließt - oder die Abgrenzung sucht. Sein Verhalten jedenfalls passt zu dieser Zerrissenheit: Mal kiffte er und trank Alkohol, bekochte seine Freunde und galt als umgänglich und freundlich. Dann beschimpfte Ahmad A. Mitbewohner, weil sie sich nicht an die Regeln des Islam halten würden.

Der Hamburger Verfassungsschutz, der früh Hinweise auf Ahmad A. bekam, hatte ein gutes Gespür und empfahl der Polizei am 10. Januar 2017, den Sozialpsychiatrischen Dienst einzuschalten. Zuvor hatten die Verfassungsschützer selbst mit Ahmad A. gesprochen und eine "Wesensveränderung" festgestellt. Aber der zuständige Polizeibeamte sah offenbar keine Dringlichkeit.

Aufnahmebedigungen nach der Flucht begünstigen eine Radikalisierung

Die peniblen Ermittlungen und die Begutachtung durch einen Experten sollen nun die Frage klären, was Ahmad A. letztlich zur Tat bewogen hat. Die Frage ist von Bedeutung über den Hamburger Fall hinaus. Bereits vor mehr als einem Jahr warnte der Bundesnachrichtendienst vor einer neuen Gruppe möglicher Täter: Flüchtlinge, die sich erst nach ihrer Ankunft in Europa radikalisieren. "Die Ankunft in einem fremden Kulturkreis, eine suboptimale provisorische Unterbringung oder der mögliche Verlust eines gehobenen gesellschaftlichen Status kann die Radikalisierung grundsätzlich stark begünstigen", hieß es in einer Analyse.

Nun muss geklärt werden, ob solche Faktoren eine Rolle bei Ahmad A. spielten. Und vor allem, wie die psychische Betreuung von Flüchtlingen verbessert werden kann. Dass die Problematik bei Ahmad A. offenbar zunächst erkannt und dann doch ignoriert wurde, bleibt beunruhigend.

Ahmad A. hat in seiner Vernehmung angegeben, dass er nicht im Namen des sogenannten Islamischen Staates gehandelt habe, sein Vorbild sei der Religionsstifter Mohammed selbst. Die Entscheidung, ein tiefreligiöses Leben zu führen, habe er erst am Mittwoch vor der Tat getroffen, zuvor habe er lange nicht gebetet. Der Westen tue den Muslimen großes Unrecht. Zur Tat habe er sich erst nach dem Besuch in der Moschee entschieden und auch dann noch gezögert. Deshalb habe er den Edeka-Markt verlassen und sei dann zurückgekehrt. Schließlich sagte A. noch: Er bedauere, dass er nicht mehr Menschen habe töten können.

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