Atomtransport nach Russland Strahlende Exporte

Die Bundesregierung will 951 bestrahlte Brennelemente aus dem Zwischenlager Ahaus nach Russland schicken. Die Idee: Deutschland ist den hochradioaktiven Müll los und Russland erhält frisches Plutonium.

Von Michael Bauchmüller und Frank Nienhuysen

Ein paar Genehmigungen noch, dann kann der nächste Castor-Transport rollen. Nicht nach Gorleben diesmal, sondern nach Majak - in einen russischen Atomkomplex mit einer bemerkenswerten Geschichte.

951 bestrahlte Brennelemente aus Deutschland sollen bald auf die Reise dorthin gehen, vom nordrhein-westfälischen Zwischenlager Ahaus aus. Ursprünglich einmal von der Sowjetunion geliefert, stammen die Brennelemente aus dem DDR-Atomforschungszentrum Dresden-Rossendorf. Ein Erbe des Kalten Krieges.

Doch Majak ist verstrahlt. Daten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zufolge wurden dort zwischen 1949 und 1956 etwa 76 Millionen Kubikmeter flüssiger Atommüll in Flüsse geleitet. Hochwasser verbreiteten die gefährliche Fracht auch auf Felder der Umgebung.

Im Jahr 1957 explodierte in der Atomanlage ein Tank mit hoch radioaktivem Atommüll, die Umgebung wurde massiv verstrahlt. Das Unglück gilt als größte Nuklearkatastrophe nach Tschernobyl. Auch die Ufer des nahen Karatschai-Sees sind kontaminiert. In den fünfziger Jahren wurde hier Atommüll verklappt. Inzwischen trägt der Wind die Kontamination vom mittlerweile ausgetrockneten Ufer ins Hinterland. Laut Greenpeace werden noch immer verseuchte Abwässer abgeleitet, rund um Majak seien Krebsraten und die Zahl der Fehlgeburten erhöht.

Die Atomanlage selber wurde inzwischen mit ausländischer Hilfe aufwendig modernisiert. Dennoch halten auch russische Umweltschützer den Transport für bedenklich. "Ich glaube nicht, dass Majak ein geeigneter Ort ist und die Investitionen ausgereicht haben, um das Sicherheitsniveau auf eine Stufe zu bringen mit Deutschland", sagt Wladimir Sliwjak von der Organisation Ecodefense.

Der Bundesregierung ist die Vergangenheit von Majak bekannt. Auf Anfrage der Grünen listete sie kürzlich alle Vorfälle auf. Doch stelle "eine geordnete Entsorgung und Endlagerung in der Bundesrepublik Deutschland wegen des in naher Zukunft nicht verfügbaren Endlagers für bestrahlte Brennelemente keine gangbare Option" dar, heißt es.

Genau das aber war geplant. Als der Atommüll 2005 von Rossendorf nach Ahaus verlegt wurde, erging die Genehmigung "als Vorstufe zur direkten Endlagerung". Bis 2036 hätten die Brennelemente-Behälter in Ahaus stehen dürfen, ein Endlager gebe es "etwa im Jahre 2030", hieß es in der Genehmigung.

Doch dann entdeckte die sächsische Regierung, verantwortlich für den Rückbau der Anlagen in Rossendorf, das Programm Russian Research Reactor Fuel Return. Ausgehandelt zwischen Russland, den USA und der IAEA, sollen mit dessen Hilfe die Reste russischer Forschungsreaktoren in aller Welt eingesammelt werden. So werde das gefährliche Material etwa vor dem Zugriff obskurer Händler und Terroristen geschützt.

Polen und Ungarn, aber auch Usbekistan, Vietnam, Chile - viele nutzten das Programm. Nun macht auch Sachsen mit. Zu gut, so heißt es, sei das Angebot. "Es wäre teurer, die Abfälle noch 20 Jahre in Ahaus zu lassen", sagt ein Sprecher des sächsischen Wissenschaftsministeriums.

In Majak soll der hochangereicherte Müll zunächst abgereichert werden, dann kann er in russischen Reaktoren eingesetzt werden. "Danach wird er in Russland endgelagert", heißt es in Dresden. Eine Regierungsvereinbarung ist schon ausgehandelt, es fehlt noch die Ausfuhrgenehmigung. Die Transportgenehmigung zu einem deutschen Seehafen hat das Bundesamt für Strahlenschutz bereits kürzlich erteilt - aber offenbar mit Bauchgrimmen. Die Behörde habe "keinen Ermessensspielraum" gehabt, und die Handhabung im Zielland liege nicht in ihrer Kompetenz, heißt es. "Aus Sicht des Bundesamtes wirft der geplante Transport nach Russland jedoch Fragen auf, die den Strahlenschutz grundsätzlich betreffen", sagt ein Sprecher.

Russland würde sich gleichwohl freuen über die heikle Fracht. Dabei gehe es weniger um direkte Geldzahlungen, sagt Umweltschützer Sliwjak. Die russische Atomindustrie erhalte vielmehr nach der Wiederaufarbeitung Plutonium, das sie wieder in AKWs einsetzen könne. "Das Ganze", sagt Sliwjak, "ist für beide Seiten ein vorteilhaftes Geschäft."

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