Von Rudolph Chimelli

Strafmaßnahmen der internationalen Gemeinschaft sind riskant, denn Teheran könnte aus Rache den Ölhahn zudrehen. Fast ein Viertel dieser Ausfuhren gehen nach Europa.

Ihr braucht uns mehr als wir euch!", rief Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad auf seiner jüngsten Pressekonferenz trotzig dem Westen zu. "Alle braucht ihr heute das iranische Volk. Warum tut ihr so wichtig? Ihr habt nicht die Macht dazu!"

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Viele Iraner sind zwar nicht einverstanden damit, dass ihr Staatschef durch nutzlose Provokationen die Beziehungen zur Außenwelt weiter verdirbt. Tatsache ist allerdings, dass Iran durch Sanktionen - die noch längst nicht beschlussreif sind - wenig angreifbar wäre.

Ein Verzicht auf Erdöllieferungen seitens des Westens war schon bei den ersten Sondierungsgesprächen von allen Beteiligten ausgeschlossen worden. Angesichts der zunehmenden Energieverknappung auf Erden und Ölpreisen von mehr als 60 Dollar pro Fass ist keine Rede davon, dass die Konsumentenländer sich von einer ihrer wichtigsten Quellen abschneiden wollen.

Iran verfügt über die zweitgrößten Gasvorräte und die viertgrößten Ölreserven der Welt. Unter den Erdölexporteuren steht es an vierter Stelle. Fast ein Viertel dieser Ausfuhren gehen nach Europa.

Boykott-Maßnahmen umgangen

Außerdem ist jeder Druck auf das Land wegen gegenseitiger Abhängigkeiten mit Risiken verbunden. Deutschland ist - mit 17 Prozent aller Importe nach Iran im Gesamtwert von rund 4 Milliarden Euro - der wichtigste Lieferant des Landes und wäre damit selbst betroffen.

Aus der EU insgesamt kommen 44 Prozent der Einfuhren. Und: Schon bisher wurden partielle Liefersperren als Folge amerikanischer Boykott-Maßnahmen meist umgangen.

Die Iraner kaufen vom US-Embargo betroffene Güter vielfach über die Vereinigten Arabischen Emirate. Dadurch steigen zwar die Preise, aber die Güter sind auf diesem Umweg fast immer verfügbar.

Statistisch ist die winzige Föderation auf der anderen Seite des Golfs dadurch zum zweiten Lieferanten der Islamischen Republik geworden - weit vor den anderen EU-Staaten, China oder Russland. Mehrere tausend iranische Firmen haben sich in den Emiraten niedergelassen.

Vorräte für drei Jahre

Fachleute schätzen, dass Teheran auf kritischen Gebieten strategische Reserven angelegt hat. Die Vorräte an wichtigen Medikamenten, Ersatzteilen und Nahrungsmitteln reichen angeblich für mehr als drei Jahre aus.

Um Repressalien des Westens abzufedern, bauen die Iraner ihre Energie-Verträge mit Partnern in Süd- und Ostasien aus. China, das noch vor zehn Jahren Erdöl-Selbstversorger war und nun der größte Importeur nach den USA ist, hat bereits langfristige Abkommen geschlossen.

Selbst durch amerikanischen Druck hat sich Indien bislang nicht vom Projekt einer Gasleitung abbringen lassen, die von Iran über Pakistan geführt werden soll. Der Baubeginn ist für kommendes Jahr vorgesehen. Bereits vorher war die Lieferung von jährlich fünf Millionen Tonnen Flüssiggas auf 25 Jahre vereinbart worden.

Reisesperren für hochrangige Vertreter des iranischen Regimes, Einschränkung von Sportkontakten oder kulturellen Aktivitäten, die gleichfalls diskutiert werden, wiegen gering neben dem politischen und militärischen Störpotenzial, das Teheran umgekehrt etwa im Falle von Angriffen auf seine Atomanlagen entfalten könnte.

Schauplätze dafür wären vor allem der Irak, der Libanon oder die Straße von Hormus, das Nadelöhr am Ausgang des Persischen Golfs, durch welches die Ölexporte aller Anliegerstaaten fließen.

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(SZ vom 17.1.2006)