Ein Kommentar von Paul-Anton Krüger

Je näher Iran an Nuklearwaffen kommt, desto ruppiger kann es sich verhalten. Doch das Regime wird Israel nicht angreifen: Ihm geht es um Machterhalt, nicht um Selbstmord.

Die "absolute Waffe - so nannte der amerikanische Nuklearstratege Bernard Brodie die Atombombe. Brodie hatte die Feuerstürme von Hiroshima und Nagasaki vor Augen, die binnen Sekunden Zehntausende Menschen verbrannt hatten. Die einzigartige Zerstörungskraft der Bombe verleiht Staaten, die sie besitzen, eine Macht, die ihren tatsächlichen Stellenwert weit überschreitet. Noch dazu bietet sie fast absoluten Schutz vor existenzbedrohenden Angriffen. Dies ist das wichtigste Motiv, das Iran nach Atomwaffen streben lässt.

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Drohkulisse Truppenparade. Vor einem Bild des Ayatollah Chomenei werden in Teheran Raketen vorbeigefahren. (© Foto: AP)

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Die Islamische Republik hat leidvoll erfahren müssen, dass sie nicht auf Hilfe zählen konnte, als Saddam Hussein seine Giftgas-Angriffe befahl. Und als der frühere US-Präsident George W. Bush den Herrscher von Bagdad und Feind Teherans beseitigt hatte, mussten die Iraner gleichwohl fürchten, nächstes Ziel eines amerikanischen Krieges zu werden. Deswegen gilt im Atomstreit als wichtigste Regel: Will man eine Verhandlungslösung erreichen, müssen berechtigte Sicherheitsinteressen Irans berücksichtigt werden. Gleichzeitig sollte niemand so naiv sein, Teheran nur defensive Motive für die Nuklearrüstung zu unterstellen.

Aus dem Vernichtungspotential der Bombe ergab sich für Brodie und Generationen von Nuklearstrategen danach die Doktrin der atomaren Abschreckung. Doch heute muss man zweifeln, dass ihre Logik im Nahen Osten jene stabilisierende Wirkung entfalten kann, wie sie im Kalten Krieg im direkten Verhältnis der Supermächte galt. Atomwaffen ermöglichen heute in Maßen eine aggressive Außenpolitik, siehe Nordkorea. Hier wächst das Risiko eines zweiten Hiroshima.

Eine nicht hinnehmbare Bedrohung

Teheran ist zwar noch mehrere Jahre davon entfernt, einsatzfähige Atomwaffen zu besitzen und würde auch kaum die Torheit begehen, Israel damit anzugreifen. Dem Regime geht es um Machterhalt, nicht um Selbstmord; dass Israel mehrfach mit gleicher Waffe zurückschlagen würde, zieht in Iran niemand in Frage. Wohl aber könnte Iran sich sicher fühlen vor massiver konventioneller Vergeltung. Es könnte Terror-Gruppen wie die Hisbollah benutzen, um Krieg gegen Israel zu führen. Wer dann glaubt, die Eskalation solcher Konflikte kontrollieren zu können, nur weil beide Seiten über Atomwaffen verfügen, der spielt russisches Roulette - mit mehr als einer Kugel in der Trommel.

Israel würde seiner Größe wegen selbst einen einzelnen Atomschlag kaum überleben. Für Jerusalem ist schon die Möglichkeit, dass Iran die Bombe besitzt, eine nicht hinnehmbare Bedrohung. Ob man dies teilt oder nicht - Israel wird entsprechend handeln.

Je näher Iran an Nuklearwaffen kommt, desto ruppiger kann es sich verhalten. Die sunnitisch geprägten arabischen Staaten fürchten eine regionale Vormachtstellung der schiitischen Iraner fast in gleichem Maße wie Israel. Selbst wenn man eine Nuklearmacht Iran mit harten Sanktionen bestrafte, würden sich Regionalmächte wie Ägypten und Saudi-Arabien ebenbürtig entgegenstellen. Ein nuklearer Wettlauf im Nahen Osten wäre die Folge; der ohnehin geschwächte Atomwaffensperrvertrag wäre endgültig ruiniert.

Es steht also viel auf dem Spiel in den kommenden Monaten, in denen über den Atomstreit entschieden wird. Iran will sein Uran nicht ins Ausland bringen lassen, wo daraus Brennstäbe gefertigt werden sollen. Das zeigt klar, dass Iran den Stoff als strategisches Faustpfand betrachtet. Entscheidend wird also sein, ob bei den Atomgesprächen kreative Lösungen erdacht werden für die zentrale Frage: Wie umgehen mit der Urananreicherung in Iran? Anreicherung ist die Voraussetzung, um eine Bombe bauen zu können. Teheran wird auf die Technologie nie ganz verzichten, obwohl UN-Resolutionen exakt dies verlangen.

Ein Angriff würde die Region in Blut stürzen

Doch es gibt einen Weg, den alle Seiten beschreiten könnten. Zunächst müsste Iran die Anreicherung stoppen und das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag wieder anwenden. Die Inspektoren könnten dann nach geheimen Einrichtungen suchen. Ähnlich wie Libyen müsste Iran seine Verfehlungen aus der Vergangenheit offenlegen, würde dafür aber nicht bestraft. Danach müsste der Westen eine Aufhebung der UN-Sanktionen mittragen, sein Angebot zur Zusammenarbeit bei der zivilen Atomenergie und in der Wirtschaft einlösen - und Iran Sicherheit garantieren.

Das oft beschworene Sicherheitssystem für den Nahen Osten oder ein atomwaffenfreies Israel ist dafür keine Voraussetzung. Ist erst mal eine Vertrauensbasis gelegt, dann reicht es aus, Iran ein Nichtangriffs-Versprechen zu geben. Neben den USA müsste auch Israel diese Garantie leisten, zumindest gegenüber Washington. Und die Führung in Teheran müsste akzeptieren, dass ihr das Verhalten von Hisbollah oder anderen Terrorgruppen zugerechnet wird, solange sie ihre schützende Hand darüber hält.

Scheitern die Verhandlungen, bleiben nur harte Sanktionen. Sie lösen zwar keines der Probleme, lassen den Weg zur Bombe aber beschwerlich werden. Ein Angriff würde das Atomprogramm allenfalls ein paar Jahre zurückwerfen. Und er würde die Region in Blut stürzen, was selbst den Atomstrategen Brodie hätte erschaudern lassen.

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(SZ vom 29.10.2009/segi)