Atomstaat Japan Der blinde Glaube an die Technik

Japan ist das einzige Land, das jemals Angriffe durch Atombomben erlitten hat. Doch trotz dieses nuklearen Traumas hat es dort nie eine Debatte über die Risiken der Kernkraft gegeben. Der blinde Glaube an die Technik aus der Nachkriegszeit hat sich bis heute erhalten - ungebrochen. Bis jetzt.

Ein Kommentar von Christoph Neidhart, Tokio

Kein Staat bemüht sich so entschlossen um nukleare Abrüstung wie Japan. Zugleich jedoch setzt keiner so sehr auf Atomkraft. Und keine andere Regierung versucht so aggressiv, ihre Atomtechnik ins Ausland zu verkaufen. Das offizielle Tokio hat darin bis dato keinen Widerspruch erkannt. Es hält die Kernkraft für "grüne Energie", weil sie kein CO2 produziert. Auf ihre Gefahren angesprochen, reagierte man bisher entrüstet: Die Kernkraftwerke sind sicher. Basta. Die meisten Japaner haben das akzeptiert. Viele wollten nicht wahrhaben oder es war ihnen tatsächlich nicht bewusst, dass ein Atomunfall ganze Landstriche auf Jahrhunderte hinaus unbewohnbar machen kann.

Nun ist aber gerade Japan das einzige Land, das jemals Angriffe mit Atombomben erlitten hat. Die US-Bomben auf Hiroshima und Nagasaki töteten etwa 150000 Menschen sofort. Mindestens so viele kamen in den Wochen und Jahren danach ums Leben, meist starben sie langsam und qualvoll als Folge der Verstrahlung. 420000 Japaner wurden als "Hibakusha" anerkannt, als geschädigte Überlebende der Atomangriffe. Der Horror von Hiroshima und Nagasaki hat das Selbstbild Japans als Opfer geprägt.

Trotz dieses nuklearen Traumas aber begann Japan schon 1954 mit amerikanischer Hilfe Atomkraftwerke zu planen. Damals schien alles machbar zu sein , der Glaube an die Technik kannte keine Grenzen. Und Japan, im Krieg gedemütigt und geschlagen, wollte zurück an die Spitze - zumindest in der Technologie. 1966 ging der erste Reaktor ans Netz. Heute sind es 55, neuerdings werden einige von ihnen mit einem Gemisch von Uran und Plutonium betrieben. Dazu transportiert Japan Plutonium um die halbe Welt. Umweltschützer halten dies für grob fahrlässig. Nippon deckt 30 Prozent seines Elektrizitätsbedarfs mit Kernenergie. Und es soll mehr werden. Zwei neue Reaktoren sind im Bau, elf in Planung. Ein schneller Brüter arbeitet als Versuchsreaktor.

Diese nächste Kernenergie-Generation wollte man eigentlich schon von 1970 an kommerziell nutzen. Inzwischen heißt es, sie sei nicht vor 2050 bereit, so groß sind die Probleme. Dennoch klammert Tokio sich an die Kernkraft, als gäbe es keine Alternative. Derweil klagen die japanischen Windturbinen-Hersteller, der Staat habe noch nicht einmal Normen für Windkraftwerke festgelegt. Und Japans Solar-Industrie, einst weltweit der Pionier, hat ihren Vorsprung verloren.

Japan ist keine militärische Atommacht. Aber es verfügt über die Technik, in kurzer Zeit Atomwaffen herzustellen. Es ist trotzdem ein Atomstaat, der immer abhängiger geworden ist von der Kernenergie. Und man hat sich immer stärker auf sie fixiert. Die Politik ist deswegen mit der Atomindustrie eng verbandelt.