Atomreaktor in Nordkorea Nadelstiche aus Pjöngjang

Und noch ein Piekser von Kim Jong Un: Nordkorea reaktiviert einen Atomreaktor, der waffenfähiges Plutonium produzieren kann. Südkorea und die USA reagieren darauf relativ gelassen. Das Regime in Pjöngjang sei für einen Krieg ohnehin nicht gewappnet, heißt es. Elementare Fehler in Angriffsplänen nähren diesen Verdacht.

Von Michael König

Eine Explosion, eine Staubwolke, dann bricht der Kühlturm in Stücke. Das Foto des deaktivierten Atomreaktors in Yongbyon ging 2008 um die Welt. Es galt als Zeichen dafür, dass Nordkorea es ernst meint mit der Abrüstung, mit dem Willen zur Kooperation. Die USA begrüßten den Schritt und stellten eine Lockerung von Sanktionen gegen das kommunistische Land in Aussicht. Der damalige deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier sprach von einer Lösung mit "Beispielcharakter".

Fünf Jahre später ist davon keine Rede mehr. Statt zu kooperieren, schickt Diktator Kim Jong Un beinahe täglich Drohungen gegen den demokratischen Süden und die USA. Kims Schutzmacht China hat die Parteien zur "Ruhe" aufgerufen - eine Reaktion auf den neuesten Nadelstich aus Pjöngjang: Das Regime verkündete, sämtliche Atomanlagen in Yongbyon wieder in Betrieb nehmen zu wollen. Sie sollten "angepasst und neugestartet" werden, hieß es in staatlichen Medien.

Bis zu seiner Stilllegung galt der Fünf-Megawatt-Reaktor in Yongbyon als nordkoreanische Produktionsstätte für waffenfähiges Plutonium. Inzwischen ist dort auch ein Komplex zur Urananreicherung in Betrieb. Macht Kim Jong Un seine Ankündigung wahr, hätte sein Regime zwei Quellen für radioaktives Material zum Bau von Atombomben.

Experten zufolge könnte die Anlage binnen drei Monaten reaktiviert werden. Ob sie ohne den gesprengten Kühlturm funktioniert, ist allerdings umstritten. Wichtiger dürfte dem Regime ohnehin der propagandistische Effekt sein: Nordkorea untermauert seinen Anspruch, eine Atommacht zu sein.

Nordkorea Kim Jong Un spielt Psycho-Krieg

Das Schauspiel hat schon fast Tradition: Südkorea und die USA ziehen ins Manöver, Nordkorea reagiert mit wüsten Drohungen. Diesmal klingt das Säbelrasseln jedoch besonders gefährlich, weil das Motiv des Diktators Kim Jong Un rätselhaft ist. Will er die Anerkennung als Atommacht? Oder wird er ein Opfer der eigenen Propaganda?

Am Wochenende hatte das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei des Landes getönt, die Atomstreitmacht solle "in Qualität und Quantität" verstärkt werden. Sie sei nicht bloß ein Mittel, um Amerika Zugeständnisse abzuringen, unterstrich das Parteiblatt Rodong Sinmun:

"The nuclear weapons of Songun Korea are not goods for getting U.S. dollars and they are neither a political bargaining chip nor a thing for economic dealings to be presented to the place of dialogue or be put on the table of negotiations aimed at forcing the DPRK to disarm itself."

Experten gehen indes vom Gegenteil aus: Kim Jong Un trommle laut, um die USA an den Verhandlungstisch zu zwingen. An einem Krieg habe das Land kein Interesse. "Nordkorea hält die Spannung hoch und die Krise am Leben", sagte Hwang Jihwan von der Universität Seoul der Washington Post. "Nordkorea fragt die Welt: Was werdet ihr tun?"

Die Anwort der USA lautet bislang: Stärke demonstrieren und Ruhe bewahren. Das Pentagon schickte hochmoderne F-22-Raptor-Kampfflugzeuge und zusätzliche Zerstörer in die Region. Das sei eine "wohl kalkulierte Antwort", sagte ein ehemaliger Berater der US-Regierung der New York Times: "Niemand soll glauben, dass die Situation außer Kontrolle gerät."

Ähnlich sind die Äußerungen von Jay Carney zu werten, dem Sprecher des Weißen Hauses, der bereits am Ostermontag betonte, Kim Jong Uns Rhetorik und sein Handeln stünden in keinem Verhältnis. Der Diktator bereite keinen Krieg vor.

"We are not seeing changes to the North Korean military posture such as large-scale mobilizations or positioning of forces. What that disconnect between rhetoric and action means, I'll leave to the analysts to judge."

Dazu passen Berichte nordkoreanischer Insider, aus denen die südkoreanische Website The Daily NK zitiert. Demnach sei das nordkoreanische Militär zwar offiziell in höchster Alarmbereitschaft, doch zuletzt seien Soldaten in ihre Kasernen zurückgeschickt worden, einige sogar mit der Erlaubnis, die Militärbasen zu verlassen.