Atommüll Verstrahlte Lauge nach Celle transportiert

In das ehemalige Kalisalzberwerk Mariaglück ist offenbar seit Jahren Lauge aus dem Atommüllversuchslager Asse geleitet worden.

Von M. Bauchmüller und R. Wiegand

Michael Cruse, Bürgermeister der kleinen Gemeinde Höfer, musste einmal tief durchatmen. "Da haben wir wohl ein Thema", sagte der Kommunalpolitiker - und zwar eines, auf das er gerne verzichtet hätte.

Denn in das ehemaligen Kalisalzberwerk Mariaglück, das zu der niedersächsischen Gemeinde im Kreis Celle gehört, ist offenbar seit Jahren Lauge aus dem Atommüllversuchslager Asse geleitet worden. Nach Angaben des niedersächsischen Umweltministeriums ist die Flüssigkeit zwar mit Tritium verseucht, aber "vollkommen unbedenklich", so eine Sprecherin.

Nach Angaben von Höfers Bürgermeister Cruse gibt es für den Stollen Mariaglück, der bis 2012 geflutet und dann geschlossen werden soll, eine Genehmigung zur Einleitung von Industrielauge, wie sie etwa in Rauchgasanlagen von Müllverbrennungsanlagen anfällt. Dass Materie aus Asse angeliefert worden ist, "wusste ich nicht", sagte Cruse.

Es wussten ohnehin nicht viele, was vergangene Woche am Rande eines bundesaufsichtlichen Gesprächs in Hannover ans Licht gekommen ist, wie Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) in Deggendorf sagte. Seit zwei Monaten gibt es Streit über den Zustand der Atommüll-Anlage Asse, in die derzeit täglich zwölf Kubikmeter Lauge eintreten.

Genehmigung fehlte

Das Bundesumweltministerium beanstandet, diese Lauge sei ohne strahlenschutzrechtliche Genehmigung in tiefere Bereiche des Bergwerks gepumpt worden. Auch habe das Gespräch ergeben, dass die Lauge geringfügig mit den radioaktiven Stoffen Tritium, Uran 235 sowie Uran 238 kontaminiert ist, hieß es. In dem Salzstock lagern knapp 130.000 Fässer mit angeblich nur schwach strahlendem Abfall.

Teile der Lauge wurden aber über Jahre hinweg ohne großen Aufhebens in die Grube bei Celle gebracht. Der Betreiber, die Kali und Salz AG, bestätigte "die Übernahme geringer, unbedenklicher Mengen" aus Asse. "Für uns ist dieser Vorgang in keiner Weise dokumentiert", sagte Gabriel während seiner Sommerreise in Niederbayern.

Der Schacht Asse liegt in seinem Wahlkreis. In Schreiben an die Behörden fordert das Ministerium Aufklärung. So soll das niedersächsische Umweltministerium darlegen, ob Aufsichtsbehörden über den Laugentransport Bescheid wussten und die Kontamination überprüft worden sei. "Berechtigte Sorgen der Bevölkerung" geböten rasche Antworten, heißt es in einem Brief ans Ministerium in Hannover.

Sorge unbegründet

Dort behauptete eine Sprecherin, die Flüssigkeit sei lediglich mit Tritium kontaminiert, außerdem liege die Strahlung weit unter den Grenzwerten. Das Bergbauamt in Clausthal-Zellerfeld habe die Einleitung genehmigt. Da "alles um Asse herum" momentan aber aufmerksam beobachtet werde und auch Minister Hans-Heinrich Sander (FDP) die mangelnde Transparenz beklagt habe, seien Unmut und Sorge zwar unbegründet, aber "verständlich".

Stefan Wenzel, Fraktionsvorsitzender der niedersächsischen Grünen und Asse-Experte, nannte den Transport der Lauge hingegen einen "Skandal". Es sei "unmöglich, dass in diese Problematik nun auch bisher unbelastete Bergwerke hinein gezogen werden".

Nach Wenzels Informationen strahlt auch die angeblich unbelastete Flüssigkeit über den Grenzwert natürlicher Strahlung hinaus. Er forderte umgehende Proben im Schacht Mariaglück und auch im ehemaligen Kalisalzbergwerk Hope. Auch dorthin ist nach Auskunft des Umweltministeriums Hannover Asse-Lauge gebracht worden.

Kein Ende in Sicht

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