Atommüll Fässer ohne Boden

Atomexperten des Bundes haben Zwischenlager für nuklearen Abfall untersucht. An vielen Stellen hat der Zahn der Zeit genagt - mit fatalen Folgen.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

In Brunsbüttel war es letztlich eine Spezialkamera, die all den Rost aufspürte. Ein Jahr lang inspizierte sie insgesamt 573 Atommüll-Fässer in den Kellerräumen des örtlichen Kernkraftwerks, Ergebnis: 154 davon waren schwer beschädigt - durch Rost. Nun sollen sie geborgen und neuverpackt werden, drei Jahre soll allein die Bergung dauern. Wie aber sieht es in anderen Zwischenlagern aus?

Der Bund hat dazu seine Entsorgungskommission (ESK) in Gang gesetzt, sie sollte Angaben der Betreiber zum Zustand auswerten. Seit diesem Freitag liegt das Ergebnis vor, die Antwort lautet: Man weiß erschreckend wenig über die bundesweite Rostgefahr. Denn in vielen Zwischenlagern, so konstatiert die Kommission, seien die Fässer so eng gestapelt, dass man sie gar nicht kontrollieren kann. In anderen sei der Atommüll noch gar nicht verpackt, und das zum Teil seit Jahren schon. Leitlinien der ESK für die Zwischenlagerung würden von den Betreibern "in sehr unterschiedlichem Maße umgesetzt", heißt es diplomatisch im Bericht der Kommission. 2500 Probleme könnten die Folge sein.

Denn aus den Angaben der Betreiber lasse sich ableiten, dass bundesweit rund 2500 Fässer durch Rost angegriffen sind, sagt Michael Sailer, der Chef der Entsorgungskommission. "In den Fässern gibt es alles Mögliche an Chemie. Das setzt den Stahlwänden zu." Zwar seien in den bisher dokumentierten Fällen "die direkten radiologischen Auswirkungen auf die Umgebung vernachlässigbar", heißt es in der Stellungnahme der Entsorgungskommission. Nur sind eben längst nicht alle Fälle dokumentiert, weil sich viele Fässer nicht inspizieren und kontrollieren lassen. Bei vielen älteren Behältern - manche stammen noch aus den Sechzigern - wisse man nicht einmal, was genau sie enthalten. Eine entsprechende "Sicherheitskultur" sei "nur in einem Teil der Anlagen implementiert", heißt es weiter. Zu den Anlagen zählen nicht nur Atomkraftwerke, sondern auch Kernforschungszentren oder Sammelstellen, in denen die Länder nukleare Abfälle etwa aus Krankenhäusern hüten. Rund 100 000 solcher Fässer gibt es bisher. "Das Problem ist kein radiologisches", sagt Sailer. "Da hilft nur Hingucken."

Jedes Vierte stark beschädigt: Stahlblechfässer mit radioaktivem Abfall im Feststofflager des Kernkraftwerks Brunsbüttel.

(Foto: Vattenfall/dpa)

Die Fässer enthalten nicht den gefährlichsten, hochaktiven Müll, wie er hierzulande in Castorbehältern aufbewahrt wird. Stattdessen landen in den Fässern Abfälle, die nur schwach oder mittelmäßig viel Wärme entwickeln. Von der Strahlung her ist es ein Bruchteil der nuklearen Fracht Deutschlands, von der Menge her der Löwenanteil. Kontaminierte Arbeitskleidung kann sich in diesen Behältern finden, Werkzeuge oder auch verstrahlter Bauschutt. Gerät derlei Radioaktivität in die Umwelt, gibt es dennoch ein ernstes Problem - etwa für das Grundwasser.

"Wir sind Manager des Unsinns der Vergangenheit", sagt der zuständige Staatssekretär

Der Bund will derlei schlampige Kontrolle deshalb nicht länger hinnehmen. "Es ist nicht akzeptabel, dass wir rostige Fässer haben, an die wir nicht rankommen", sagt Jochen Flasbarth, zuständiger Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Die Länder sähen das ähnlich. "Wir alle sind Manager des Unsinns der Vergangenheit", sagt Flasbarth. Management heißt in diesem Fall: Fässer, die bislang eng gestapelt sind, müssen "inspizierbar" gelagert werden, also mit mehr Platz. Selbst neue Hallen könnten nötig werden. In den achtziger und neunziger Jahren, sagt Sailer, habe man schlicht nicht genug Platz dafür geschaffen.

Rätsel um den Asse-Schacht

Ohne Schacht 5 wird es eng in der Asse. Über Schacht 5 soll das größte Umweltdesaster der Republik dereinst gelöst werden, mehr als 120 000 Fässer mit Atommüll sollen durch den neuen Zugang zum Salzstock irgendwann einmal an die Oberfläche gelangen. Ein eigenes Gesetz soll helfen, die Arbeiten am Schacht zu beschleunigen, erste Erkundungsbohrungen laufen. Viele im Landkreis Wolfenbüttel wollen den Müll lieber gestern als heute geborgen wissen, zuständig dafür ist das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS).

Umso erstaunlicher ist nun der Befund einer anderen Bundesbehörde, der "Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe", kurz BGR. Deren Experten beschäftigten sich mit dem "geologischen Bau" rund um Schacht 5, auf sechs Seiten präsentieren sie alle möglichen Quer- und Längsschnitte der Gegend - und in sechs Zeilen ein vernichtendes Urteil: Nach bisherigen Erkenntnissen sei nicht davon auszugehen, dass die Bedingungen den Bau eines Schachts erlauben - es fehle unter Tage schlicht das nötige Salz, in dem er gebaut werden könnte. Weitere Bohrungen seien "nicht zielführend". War es das mit Schacht 5 und der Asse-Bergung?

Die BGR verweist auf Nachfrage auf das Strahlenamt BfS, schließlich sei es Auftraggeber der Kurzstudie. Doch das BfS weiß nichts von so einem Auftrag, es hält auch das Resultat für Unsinn. "Das Papier der BGR liefert keine Erkenntnisse, die den Bau des Schachtes in Frage stellen", sagt eine Sprecherin. Vielmehr sei bei bisherigen Untersuchungen durchaus Salz angetroffen worden, und zwar solches, in das schon in Gorleben Schächte gebaut wurden. Womit sich der Kreis dann schließt: Denn rund um das einstige Endlagerprojekt Gorleben waren die beiden Behörden auch selten einer Meinung. Michael Bauchmüller

Das freilich auch, weil damals ein Endlager für den Atommüll schon in Reichweite war: Schacht Konrad bei Salzgitter. Als 1977 die Planungen begannen, sollte das Endlager 1989 in Betrieb gehen. Doch die Planungen verzögerten sich, auch durch heftigen Widerstand vor Ort. Später galt 1997 als Starttermin, dann 2014. Inzwischen gilt 2022 als realistisch, weil erst aufwendig der Schacht saniert werden muss, durch den die Fässer dereinst in die Tiefe gelangen sollen. "Diesen Termin wollen wir unbedingt einhalten", sagt Flasbarth. Allerdings wird es auch dann noch einmal um die 20, womöglich 30 Jahre dauern, bis das letzte Fass im Erzbergwerk untergekommen ist. Bis dahin nagt der Zahn der Zeit.