Von Michael Bauchmüller

Die Bundesregierung hat den Salzstock Asse zum Endlager gemacht - obwohl schon früh ernsthafte Zweifel auftauchten.

Es war im Februar 1961, der Versuchsreaktor bei Kahl am Main war gerade in Betrieb genommen worden - da wurden die ersten Sorgen laut. Ein Beamter des Bundeswirtschaftsministeriums ließ seinen Abteilungsleiter von den Vorbehalten des Stromkonzerns RWE wissen. "Die verantwortlichen Herren des RWE lassen nicht außer Acht, dass die Beseitigung des ,Atommülls' noch nicht befriedigend gelöst ist."

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In Asse ist noch lange nicht alles geklärt. (© Foto: AP)

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Die verantwortlichen Herren waren damals noch keineswegs überzeugt von der Kernkraft, sie produzierten Strom lieber wie gehabt aus Kohle. Die Frage der Endlagerung, insbesondere ihrer Kosten, galt als große Unbekannte der neuen Technologie. Dem sollte abgeholfen werden.

Günstige Gelegenheit

Schon zwei Jahre später tat sich eine Lösung auf: Der Wintershall-Konzern wollte ein Kali- und Salzbergwerk in der Nähe von Wolfenbüttel loswerden, den Salzschacht Asse II. Die Gelegenheit schien günstig, und ein Regierungs-Arbeitskreis zur Endlagerung empfahl dem Ministerium für wissenschaftliche Forschung, "darauf zu achten, dass im Falle des Bergwerks Asse nicht eine günstige Möglichkeit versäumt wird". So steht es in den internen Vermerken jener Zeit, zusammengetragen von dem Historiker Detlev Möller.

Fünf Jahre lang stöberte er in Archiven für seine Arbeit "Endlagerung radioaktiver Abfälle in der Bundesrepublik Deutschland", die inzwischen auch als Buch erschienen ist. Dokument um Dokument arbeitet er darin die Geschichte der Atommüll-Lagerung auf, am Beispiel der Asse. Herausgekommen ist die erschütternde Chronologie einer Endlager-Suche, die zunächst offen war, dann aber in einem Geflecht der Interessen und vermeintlichen Sachzwänge endete. Und in einer der übelsten ökologischen Hinterlassenschaft der Bundesrepublik.

"Die Asse ist nicht ihrer Langzeiteignung wegen zum Endlager geworden, sondern weil es politisch so gewollt war", sagt Möller heute. "Insgesamt offenbart sich ein komplettes staatliches Versagen." Die Unterlagen, die erst nach der 30-jährigen Sperrfrist frei zugänglich wurden, belegen nicht nur, wie sich die Verantwortlichen unter Druck von außen in die Asse treiben ließen. Sie beweisen auch, dass es keineswegs nur um Forschung ging, im Gegenteil. Die Asse sollte ein echtes Endlager werden, sie sollte der hoffnungsfrohen deutschen Atomindustrie schnell und günstig auf die Beine helfen. Und sie hatte eine Zukunft selbst dann, als Experten schon vor dem Absaufen der Schachtanlage warnten.

Der Preis war positiv

Schon zu Anfang der sechziger Jahre hatten sich die Regierungsexperten darauf geeinigt, die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle im Salz zu lagern. Anfangs prüften die Beamten noch alle möglichen Optionen, sie beauftragten Gutachter und verfolgten gespannt die Entwicklung im Ausland. Dann kam das Angebot von Wintershall. "Insgesamt kann gesagt werden, dass die Anlage Asse für die Einrichtung eines Endlagers geeignet erscheint", notierte sich der Chef der hauptamtlichen "Studiengruppe Endlagerung" im Januar 1964. "Positiv zu werten ist vor allem der Preis, der von den Herren der Wintershall gesprächsweise auf 600.000 DM beziffert wurde."

Längst waren da die Verantwortlichen zu Getriebenen ihrer eigenen Anstrengungen geworden. Im rheinischen Jülich und in Karlsruhe waren Forschungsanlagen in Betrieb - und produzierten Atommüll. Im August 1965 schlugen die Geschäftsführer des Kernforschungszentrums Karlsruhe Alarm. In einem Schreiben an die Gesellschaft für Strahlenforschung, die spätere Betreiberin der Asse, warnten sie vor überquellenden Zwischenlagern.

"Infolge des laufenden Ausbaus" steige der Anfall an radioaktiven Abfällen "ständig stark an". Bis Spätherbst 1965 seien die Lager voll. "Wir bitten Sie, noch in diesem Jahr Vorkehrungen zu treffen, sodass noch in diesem Jahr mit der Versuchseinlagerung von radioaktiven Abfällen begonnen werden kann."

Die Prioritäten verschoben sich

Die Verlockung der günstigen und zugleich schnellen Entsorgung entwickelte im Forschungsministerium eine ganz eigene Dynamik. Selbst besonnene Beamte wie der Unterabteilungsleiter für Strahlenschutz, Georg Straimer, fanden irgendwann kein Gehör mehr; später wurde Straimer ersetzt - durch den Leiter des Referats Reaktorentwicklung. Die Prioritäten verschoben sich. Auch ein Zwischenfall im April 1966, bei dem sich eine 25 Meter lange Wasserleitung aus dem Grubengebäude löste, änderte daran nichts. Der Schacht sollte zunächst repariert, die Asse später mit einer Säule stabilisiert werden.

Im Juli 1968 waren sich die Beamten vollends sicher - auch für die Einlagerung hochaktiver Abfälle. "Inzwischen haben verschiedene Studien und geologische und bergtechnische Gutachten und zwei Einlagerungsversuche gezeigt, dass das Salzbergwerk Asse nach Abschluss der zur Zeit laufenden Instandsetzungsarbeiten ausreichende Sicherheit bietet, um die in der Bundesrepublik anfallenden radioaktiven Abfälle aller Aktivitätsklassen für die nächsten Jahrzehnte aufzunehmen", heißt es in einem Ministeriumsvermerk. Alle Planungen seien darauf auszurichten, die Asse "unter Berücksichtigung der bisherigen Investitionen so wirtschaftlich wie möglich zu nutzen".

Schon 1967 war die Endlagerung angelaufen. Insgesamt 125 787 Fässer wurden fortan in die Kammern des Schachtes versenkt, lange Zeit sogar gebührenfrei. Dabei war den Verantwortlichen schon damals klar, dass das Wasser die größte Gefahr für den Salzstock sein würde. Es sei davon auszugehen, "dass die Grube zu einem nicht vorauszusehenden Zeitpunkt vollständig mit Wasser gefüllt sein wird", hielten die Teilnehmer eines Expertengesprächs 1967 fest. Allerdings sei dieser Zeitpunkt noch Jahrhunderte entfernt. "Bei allen Sicherheitsbetrachtungen wird angenommen, dass kein Raum der Grube trocken bleiben wird."

Tausende Fässer verschwanden

Das Hauptaugenmerk galt damals der Stabilität der Asse, doch hier sahen die Forscher keine Probleme: Allerdings untersuchten sie nur den stabilen Teil des Gesteins, das Steinsalz. Den leicht löslichen Carnallitit, in der Asse reichlich vorhanden, hielten sie ausweislich der Studien für unbeachtlich - bis 1976. Da definierte ein Gutachten des Instituts für Tiefenlagerung die Sicherheit unter Tage neu. Nicht das Steinsalz, sondern der Carnallitit sei "das schwächste Glied". Nicht das Absaufen der Grube, sondern ihr Einsturz sei "der größte anzunehmende Unfall". Doch die Einlagerung ging weiter, 64.000 Fässer verschwanden allein zwischen 1976 und 1978 im Schacht.

Das abrupte Ende kam 1978 - aus formalen Gründen. Die niedersächsische Landesregierung wollte nicht länger mitmachen. "Praktisch handele es sich um Endlagerung", machte ein Vertreter Niedersachsens laut Protokoll im Länderausschuss Atomkernenergie geltend. Deswegen brauche es ein ordentliches Planfeststellungsverfahren. Vergeblich appellierte die Bundesregierung an die Niedersachsen, warnte der Chef des Kanzleramtes vor "überquellenden Landessammelstellen". Werde die Asse nicht wieder in Betrieb genommen, so urteilten Beamte von Forschungs-, Wirtschafts- und Innenministerium bei einem Treffen im August 1979, drohe "der Erstickungstod für die Kernenergie".

Doch die Asse sollte nicht mehr geöffnet werden, sie scheiterte am Planfeststellungsverfahren. Schon 1988 trat an der Südseite Wasser ein. Es begann jener Prozess, den die Experten noch 20 Jahre vorher erst nach Jahrhunderten erwartet hatten. Seither droht die gesamte Grube einzustürzen - unter anderem, weil der wasserlösliche Carnallitit zunehmend ausgewaschen wird. Erst 2009 verlor das Forschungsministerium und mit ihm der Nachfolger der GSF, das Münchner Helmholtz-Zentrum, die Herrschaft über das Verfahren. Unter Tage haben nun Strahlenschützer das Sagen, nicht mehr Bergleute. Die giftige Fracht wird vermutlich auf alle Zeit unten bleiben.

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(SZ vom 30.7.2009/vw)