Atomkraftwerke in Deutschland Da waren's nur noch vier

Deutschland muss für einige Zeit mit nur vier AKWs auskommen: Sieben der 17 Meiler sind aufgrund des Moratoriums nicht am Netz, weitere Anlagen werden gewartet. Von diesem Samstag an liefern die Reaktoren nur noch zehn Prozent des deutschen Stroms - und damit halb so viel wie Sonne und Wind.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Deutschland muss von diesem Samstag an mit so wenig Atomstrom auskommen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Nur noch vier Kernkraftwerke stehen zur Verfügung, erneuerbare Energien und Importe müssen die Lücke schließen. Die Bundesnetzagentur sieht dennoch keine akute Gefahr für die Stromversorgung.

Grund für die Ausnahmesituation ist das Atommoratorium der Bundesregierung. Unmittelbar nach der Reaktorhavarie in Fukushima-1 hatte das Bundesumweltministerium die Betreiber der sieben ältesten Atomkraftwerke angewiesen, ihre Reaktoren umgehend herunterzufahren.

Das dreimonatige Moratorium, das Mitte Juni endet, sollte Zeit bringen für eine Überprüfung der Altmeiler. Der etwas jüngere Pannenreaktor Krümmel stand schon vorher still. Hinzu kommen nun ohnehin geplante Wartungsarbeiten in den AKWs Gundremmingen B, Grohnde und Philippsburg 2. Eine Revision im bayrischen Eon-Kraftwerk Grafenrheinfeld verzögerte sich, weil die Reparatur eines defekten Rohres sich hinzieht. Mit dem Kernkraftwerk Lingen kommt an diesem Samstag die 13. Anlage hinzu; es soll für gut zwei Wochen stillstehen.

Damit werden so wenige Atomkraftwerke in das deutsche Stromnetz einspeisen wie zuletzt in den späten siebziger Jahren. Nur knapp ein Viertel der deutschen Reaktorkapazität steht zur Verfügung. Lieferten Kernkraftwerke zu Beginn des Jahres noch rund 25 Prozent des deutschen Stroms, sind es derzeit weniger als zehn Prozent - und damit nur halb so viel wie Sonne und Wind einspeisen.

Die Bundesnetzagentur, in Deutschland zuständig für die Aufsicht über das Stromnetz, sieht trotz des Engpasses zunächst noch keinen Grund zur Besorgnis. "Die Situation ist voraussichtlich beherrschbar", sagte Behördenchef Matthias Kurth der Süddeutschen Zeitung. Bevor es zu einem Netzausfall käme, ließen sich auch noch andere Kraftwerke etwa in Süddeutschland zuschalten. Auch gleiche derzeit die erhebliche Einspeisung von Solarstrom einen Teil des Strommangels aus. "Die Lage sähe schlechter aus, wenn wir nicht so viel Sonne hätten wie derzeit", sagte Kurth.

Langfristig allerdings brauche es dringend neue Stromleitungen. "Was wir hier betreiben, ist eine Art Mängelverwaltung im Netz", sagte Kurth. An einem raschen Ausbau der Stromnetze führe kein Weg vorbei. Ein Gesetz, das den Leitungsbau forcieren soll, ist Teil des Energiewende-Pakets der Regierung, das in zwei Wochen das Kabinett passieren soll.

Die Betreiber der großen deutschen Stromnetze sehen die Lage ähnlich. "Das ist die größtmögliche Überlappung, eine echte Ausnahmesituation", sagte Martin Fuchs, Geschäftsführer der Netzfirma Tennet, die das einstige Eon-Stromnetz betreibt. "Wir brauchen jetzt jede Strippe für den Betrieb." Das Unternehmen hatte bei den Betreibern der Atomkraftwerke angefragt, ob sich einzelne Revisionen nicht verschieben ließen, allerdings ohne Erfolg. "Man hat uns klar zu verstehen gegeben, dass eine Verschiebung nicht in Frage kommt", sagte Fuchs. Die Akw-Betreiber argumentieren mit dem enormen Vorlauf solcher Revisionen. Dies mache jede Verschiebung enorm kostspielig.

Die Situation dürfte sich erst gegen Ende der Woche entspannen, wenn zunächst das Kraftwerk Gundremmingen, dann Grohnde wieder ans Netz gehen. Auch die Importe nach Deutschland dürften in der Zwischenzeit abermals zulegen. Am Freitag etwa floss zur Mittagszeit, wenn die Nachfrage besonders hoch ist, Kraftwerksleistung im Umfang dreier Kernkraftwerke ins Land.