Atomkonflikt Israels angeblicher Geheimplan für einen Krieg gegen Iran

Ein präziser Militärschlag mit neuartiger Munition, begleitet von einer Cyber-Attacke und nachfolgenden Luftangriffen - das ist angeblich Israels "geheimer" Plan für einen Krieg gegen Iran. Ein amerikanischer Blogger will ihn aus zuverlässiger Quelle erhalten haben. Das passt zum lauter werdenden Säbelrasseln der israelischen Regierung.

Von Michael König

Zwei Stunden Wartezeit sollten beim Gasmasken-Kauf in Jerusalem derzeit eingeplant werden, heißt es. Die Nachfrage ist groß. Bislang sollen nur etwa 55 Prozent der Bevölkerung die womöglich lebensrettende Ausstattung vorrätig haben. Lange Lieferzeiten gibt es auch bei Spezial-Dichtungen für die Türen giftgassicherer Bunker. Die Auftragsbücher der Hersteller sind voll.

Ein Blogger will einen Angriffsplan gegen Iran erhalten haben. Das Bild zeigt einen israelischen Kampfjet.

(Foto: Getty Images)

Die Menschen in Israel bereiten sich auf einen Krieg gegen Iran vor. Ihre Politiker melden sich täglich mit neuen indirekten Hinweisen zu Wort, das Säbelrasseln in Richtung Teheran im Konflikt um das iranische Atomprogramm wird immer lauter. Bisheriger Höhepunkt der Drohgebärden ist der angebliche Entwurf eines geheimen Angriffsplans, der am Mittwoch im Blog Tikun Olam des Amerikaners Richard Silverstein aufgetaucht ist.

Silverstein gilt als gut informiert, wenn es um israelische Sicherheitsbelange geht. Er will das Dokument von einer "hochrangigen" Quelle zugespielt bekommen haben, die es wiederum von einem israelischen Offizier erhalten haben soll. "Meine Quelle sagte mir, dass sie ein solches Dokument normalerweise nicht durchsickern lassen würde", schreibt Silverstein. Aber hierbei handele es sich nicht um einen Normalfall, habe der Offizier betont: "Ich fürchte, Bibi und Barak meinen es todernst", zitiert ihn Silverstein.

Israels Premier Benjamin "Bibi" Netanjahu und sein Verteidigungsminister Ehud Barak haben dem geleakten Dokument zufolge einen mehrstufigen Angriffsplan erstellt, den Silverstein wie folgt beschreibt:

[] Der Angriff soll demnach zunächst die iranische Kommunikation ausschalten: "Ein koordinierter Schlag, begleitet von einer überraschenden Cyber-Attacke, wird die Fähigkeit des Regimes lahmlegen, zu wissen, was in seinen Grenzen passiert", heißt es in dem Dokument. Internet, Radio und TV, Kommunikationssatelliten und Glasfasernetze würden ausgeschaltet.

[] Spezielle Kohlefaser-Munition soll das iranische Stromnetz irreparabel beschädigen. Die haarfeinen Splitter der Bomben würden an Transformatoren Kurzschlüsse auslösen, die nur durch einen Austausch der Anlagen behoben werden könnten. "Angesichts der Ballung der Bomben und ihrer zeitverzögerten und ferngesteuerten Aktivierung wäre das eine Sisyphus-Aufgabe", zitiert Silverstein aus dem Geheimplan.

[] Ballistische Raketen mit großer Reichweite sollen von Israel und von israelischen U-Booten im Persischen Golf aus abgefeuert werden, um die iranischen Atomanlagen zu zerstören. Explizit genannt werden Silverstein zufolge die im Westen des Landes gelegenen Standorte Arak, Ishafan und Fordo.

[] Marschflugkörper seien gegen iranische Kommando- und Kommunikationszentralen gerichtet. Sie sollen außerdem "Entwicklungs- und Forschungseinrichtungen" sowie die Wohnorte führender Köpfe des iranischen Atomprogramms treffen. "Über Jahre hinweg gesammelte Geheimdienst-Informationen werden eingesetzt, um die Führung zu enthaupten", heißt es in dem Dokument.

[] Nach der ersten Welle werde ein spezieller Satellit die Schäden dokumentieren. Die Informationen sollen zeigen, wo weitere Angriffe nötig seien, heißt es. Dann würden Kampfflugzeuge aufsteigen, ausgerüstet mit "bislang unbekannter elektronischer Kampfausrüstung, die nicht mal unseren amerikanischen Verbündeten offenbart wurde". Unsichtbar für die iranischen Radaranlagen, sollen sie unter anderem iranische Raketensilos und Raketen-Produktionsanlagen zerstören.

Ob die Angaben echt sind, lässt sich kaum überprüfen. Silverstein lässt an der Vertrauenswürdigkeit seiner Quelle keinen Zweifel, weist aber selbst darauf hin, dass die Veröffentlichung wohl kein Zufall sei. Der US-Blogger sieht darin mehr ein Werbedokument der Kriegsbefürworter Netanjahu und Barak als einen tatsächlichen Plan. Es handle sich um Netanjahus Verkaufsargumente, um den Kriegsgegnern im israelischen Sicherheitskabinett einen Angriff schmackhaft zu machen.

Hinzu kommt, dass der angebliche Geheimplan wenig Neues bietet und dem Vorgehen der israelischen Armee bei früheren Militärschlägen entspricht. Er ist außerdem so vage formuliert, dass er dem iranischen Gegner kaum Möglichkeiten bietet, seine Verteidigung zu verbessern. Experten erwarten, dass Israel auch mit Drohnen und verdeckten Kommandoaktionen von Spezialkräften hinter feindlichen Linien agieren würde - von ihnen ist in Silversteins Dokument jedoch keine Rede.

So ist die Veröffentlichung wohl eher weiterer Schritt im "Krieg der Worte", den israelische Politiker und Militärs seit mehreren Tagen mit steigender Intensität führen. Ihr Ziel ist offenbar, den amerikanischen Präsidenten Barack Obama noch vor der US-Präsidentschaftswahl am 6. November zu einer militärischen Drohung in Richtung Teherans zu bewegen. Im Falle einer Wiederwahl Obamas könnte sich der US-Präsident eine zurückhaltende Position gegenüber Teheran eher erlauben - jetzt, mitten im Wahlkampf, jedoch nicht.

Ultimatum an Washington

Bereits Anfang August legte Michael Oren, der israelische Botschafter in Washington, in einem Gastbeitrag im Wall Street Journal eine Art Kriegserklärung vor: "Die wiederholten Versuche, mit Iran zu verhandeln, haben gezeigt, dass weder Diplomatie noch Sanktionen die Bedrohung (durch die iranische Bombe, Anm. d. Red.) beseitigen konnten."

Am Dienstag berichtete die angesehene Zeitung Ma'ariv von einem Ultimatum gegenüber Washington. Demnach habe Netanjahu den US-Präsidenten aufgefordert, sich bis zum 25. September öffentlich zu erklären, notfalls militärisch gegen das iranische Atomprogramm vorzugehen. Die US-Regierung schweigt dazu bislang. Einzig General Martin Dempsey, Vorsitzender des Vereinigten Generalstabs und ranghöchster US-Soldat, äußerte sich öffentlich: Er mahnte, ein Militärschlag könne das iranische Atomprogramm zwar verzögern, aber nicht verhindern.

Die Antwort Israels kam prompt: "Ein, zwei, drei oder vier Jahre sind im Nahen Osten eine lange Zeit", sagte Botschafter Oren in Anspielung auf den Arabischen Frühling. "In unserer Nachbarschaft sind das die Regeln, nach denen gespielt wird."