Japan: Moralphilosoph im Gespräch Einen Menschen opfern, um Millionen zu retten?

Im AKW Fukushima-1 setzen sich die verbliebenen Arbeiter einem lebensbedrohlichen Risiko aus - sie könnten dadurch aber 35 Millionen Menschen in Tokio retten. Der Moralphilosoph Nikolaus Knoepffler über die Schwierigkeit, Menschenleben gegeneinander aufzurechnen und die Bereitschaft, für andere in den Tod zu gehen.

Interview: Lilith Volkert

In den Reaktoren des japanischen Atomkraftwerks Fukushima-1 hat es in den vergangenen Tagen mehrere Explosionen und Brände gegeben. Die Angestellten, die noch Schlimmeres zu verhindern versuchen, wurden zwischenzeitlich abgezogen. Nachdem die Strahlung in der Umgebung der Reaktoren wieder gesunken sein soll, wurden sie zurückgebracht. Die letzten verbliebenen Arbeiter im Katastrophen-Atomkraftwerk Fukushima-1 sind nach Einschätzung des Präsidenten der Gesellschaft für Strahlenschutz "Todeskandidaten". Die gewaltige radioaktive Strahlung sei für sie eine "Katastrophe", die sie wohl früher sterben lasse, sagte Sebastian Pflugbeil.

Am Mittwoch sind 180 Techniker in das Atomkraftwerk Fukushima-1 zurückgekehrt - wie lange sie bleiben können, weiß man nicht.

(Foto: dpa)

Am Donnerstagmorgen wurde bekannt, dass sich bisher zwanzig Menschen freiwillig für den tödlichen Einsatz im Atommeiler gemeldet haben. Sollte deutlich mehr radioaktive Strahlung freigesetzt werden, steht man vor der schwierigen Entscheidung, alle Menschen aus dem Gebiet in Sicherheit zu bringen - oder weiterhin zu versuchen, vor Ort die Katastrophe einzudämmen. Fukushima-1 liegt 240 Kilometer nordöstlich des Ballungsraums Tokio. Dort leben 35 Millionen Menschen.

Nikolaus Knoepffler leitet das Institut für Angewandte Ethik an der Universität Jena.

sueddeutsche.de: Herr Professor Knoepffler, darf man Menschen in den sicheren Tod schicken, wenn das Millionen andere retten würde?

Nikolaus Knoepffler: Folgt man dem Utilitarismus, der maximales Glück für möglichst viele Menschen anstrebt, wäre das nicht nur vertretbar, sondern sogar zwingend. Nach diesem philosophischen Ansatz dürfte man die japanischen Techniker auch gegen ihren Willen in extrem verstrahltes Gebiet schicken, um das Atomkraftwerk unter Kontrolle zu bekommen.

sueddeutsche.de: Kann eine liberale Demokratie wie Japan Menschen wirklich zu so einem Einsatz zwingen?

Knoepffler: Wenn man utilitaristisch denkt: ja. Hier geht es um 35 Millionen Menschen, die im Großraum Tokio leben und vor einer radioaktiven Wolke geschützt werden müssen. Bei dieser großen Anzahl Überlebender ließen sich - nach diesem Denkmodell - 100 bis 200 Opfer sehr gut rechtfertigen.

sueddeutsche.de: Nun ist diese Frage inzwischen kein theoretisches Problem mehr, über das Moralphilosophen nachdenken, sondern bittere Realität. Welche anderen Sichtweisen gibt es auf dieses Dilemma?

Knoepffler: Nach Immanuel Kant existiert der Mensch als Zweck an sich, er darf nicht als Mittel zu irgendeinem Zweck genutzt werden. Das heißt, man darf kein einziges Menschenleben opfern - selbst wenn man damit die ganze Welt retten könnte.

sueddeutsche.de: Wie lösen die Anhänger von Kant dieses moralische Problem?

Knoepffler: Der einzige Ausweg wäre in diesem Fall, nur Menschen in das Hochrisikogebiet zu schicken, die sich freiwillig melden. Diese Entscheidung können nur die Betroffenen selbst treffen, nicht die Firma, die das AKW betreibt, auch nicht die japanische Regierung.

Allerdings gibt es in vielen Kulturen die Auffassung, dass ein Mensch nicht nur die Verantwortung für sich selbst trägt, sondern auch für seine Familie. Ein Freiwilliger dürfte sein Leben demnach nicht einfach aus seiner eigenen Entscheidung aufs Spiel setzen, sondern müsste sich vorher mit seinen Verwandten absprechen.

sueddeutsche.de: Sie sind Philosophieprofessor und katholischer Theologe. Wie beurteilen Sie dieses Dilemma persönlich?

Knoepffler: Für mich steht hier eindeutig die Menschenwürde im Vordergrund. Man darf niemanden zwingen, sich seinem eigenen Tod auszusetzen, selbst wenn er sich einen riskanten Beruf ausgesucht hat. Genauso gilt der umgekehrte Fall: Finden sich Freiwillige, die bereit sind in Fukusihma-1 zu arbeiten, obwohl sie damit sehr wahrscheinlich ihr eigenes Todesurteil unterschreiben, sollte man das respektieren. In diesem Zusammenhang spielt übrigens der kulturelle Hintergrund der Betroffenen eine wichtige Rolle.

sueddeutsche.de: Inwiefern?

Knoepffler: Der Bezug zur Gemeinschaft ist in asiatischen Kulturen stärker als in den westlichen, individualistisch geprägten Ländern. Man sieht sich dort nicht nur als Individuum, sondern ist auch Teil eines Volkes, für das man Verantwortung trägt. Ich könnte mir vorstellen, dass in Japan mehr Menschen es als ihre Pflicht ansehen, sich in so einer Situation zur Verfügung zu stellen, als das bei uns der Fall wäre.

sueddeutsche.de: Das lässt einen an die japanischen Kamikaze-Flieger denken, die im Zweiten Weltkrieg Selbstmordangriffe amerikanische Schiffe flogen. Ist diese Form von Selbstopferung etwas typisch Japanisches?

Knoepffler: Nein, sich für die Allgemeinheit aufzuopfern ist ein alter menschlicher Grundgedanke, der sich in vielen Kulturen und Religionen findet. Stammesführer haben früher ihr Leben gegeben, wenn der Regen ausblieb, in der griechischen Tragödie Iphigenie auf Tauris hat der König zumindest seine Tochter dem Wohl des Volkes geopfert. Auch Jesus ist für die Sünden aller gestorben. Das hat uns stark geprägt.

sueddeutsche.de: Wo macht sich dieser Gedanke heute bemerkbar?

Knoepffler: Etwa bei den Feuerwehrleuten, die am 11. September 2001 ohne Rücksicht auf das eigene Leben gehandelt haben, als das World Trade Center in New York eingestürzt sind. Wobei man sagen muss, dass Feuerwehrleute wissen, dass sie einen Job haben, der sie im schlimmsten Fall das Leben kosten kann. Sie reagieren in solchen Situationen oft auch automatisch.

sueddeutsche.de: Vor vier Jahren wurde in Deutschland diskutiert, ob ein von Terroristen entführtes Flugzeug abgeschossen werden darf, um einen Anschlag mit hohen Opferzahlen zu verhindern - ein Szenario, das Parallelen zu dem in Japan hat. Das Bundesverfassungsgericht entschied damals, dass ein Abschussbefehl verfassungswidrig ist.

Knoepffler: Damit hat es der Sichtweise des Gesetzgebers, der Menschenleben miteinander aufgewogen hat, eine Absage erteilt. Es gab damals auch den Vorschlag, dass jeder, der in ein Flugzeug steigt, sich einverstanden erklärt, dass die Maschine im Notfall abgeschossen wird. Das wäre - zumindest philosophisch - ein Ausweg aus dem Dilemma gewesen.