Atomkatastrophe in Fukushima Zu stolz für den Gesichtsverlust

Weder die Betreiberfirma Tepco noch die Regierung in Tokio - keiner will wirklich Verantwortung übernehmen für die Probleme am havarierten Kernkraftwerk Fukushima-1. Eine Haltung, die viel mit dem kopflosen Gehorsam zu tun hat, der in Japan schon Schulkindern eingetrichtert wird.

Ein Kommentar von Christoph Neidhart, Tokio

Für die neuen Schlampereien an der Kraftwerksruine Fukushima-1 gibt es einen Verantwortlichen: den Betreiber Tepco. Es gibt aber auch einen Profiteur im Chaos: ebenfalls Tepco. Die Firma erhält noch mehr Geld. Und Japans Regierung will die Verantwortung für das Chaos in Fukushima künftig mittragen. Das macht es bequemer für Tepco.

Die Stromfirma hat ihre Verantwortung für den vermeidbaren Dreifach-GAU nie ganz ernst genommen. Sie hat beim Aufräumen von Beginn an improvisiert, gepfuscht und vor allem gespart. So hat sie es versäumt, die Tanks mit dem verseuchten Wasser ordentlich zu überwachen. Die Lecks in den Leitungen ließ sie mit Klebeband abdichten.

Jetzt will die Regierung das Problem selbst in die Hand nehmen. Noch voriges Jahr argumentierte eine Fachkommission dagegen: Wenn der anonyme Staat die Verantwortung übernähme, fühle sich niemand mehr zuständig. Diese Analyse ist nicht ganz falsch. Deshalb glauben nur Optimisten, in Fukushima gehe es künftig verantwortungsvoller zu.

Hinter der Schlamperei versteckt sich das eigentliche Thema, mit dem sich Japan nach der Nuklearkatastrophe befassen müsste: Verantwortung. Verantwortung ist eines der Leitthemen für das Verständnis der Gesellschaft - ein alter Bekannter. Premier Shinzo Abe sperrt sich bis heute, auch nur ein wenig Verantwortung für die Verbrechen zu akzeptieren, die im Zweiten Weltkrieg im Namen der japanischen Regierung begangen wurden.

Der Fehler liegt im System

Ein Schuldbekenntnis versteht man als Gesichtsverlust, den lässt der japanische Stolz nicht zu. Immer wieder haben sich Japans Regierungen um die Übernahme von Verantwortung für Skandale gedrückt. Ähnlich geht es bei Firmen zu, mehrmals zu beobachten bei Tepco.

Japan ist zu Recht stolz auf die Leistungen seiner Ingenieure. Sie haben viel zur Hightech-Welt beigetragen. Derweil haben die Sozialingenieure des Staates eine Gesellschaft aufgebaut, in der jeder seinen Platz kennt und seine Pflichten erfüllt. Hier schlägt kaum ein Einzelner über die Stränge, er wird sonst von der Gesellschaft geplagt oder ausgeschlossen. Dieses System beginnt schon in den Schulen. Die Disziplin macht es möglich, dass die Züge sekundengenau fahren, niemand im Gedränge schreit oder boxt, und dass kein Fetzchen Papier auf der Straße liegt, obwohl es kaum Abfalleimer gibt.

Wie kann diese Gesellschaft der Pflichtbewussten und Disziplinierten zugleich eine Gesellschaft der Verantwortungslosen sein? Japan ist streng hierarchisiert, zudem identifizieren die Japaner sich eng mit ihrem Gruppen-Umfeld, etwa der Firma. Ein Einzelner gilt wenig. Vor allem japanische Männer befolgen Vorgaben fast blind, selbst wenn ihnen klar ist, dass damit eine Vorschrift verletzt oder betrogen wird. Gesetze und Regeln interpretiert man flexibel, die Loyalität zur Gruppe ist wichtiger. Solange man einen Verstoß nicht sieht, ist er auch nicht passiert.

Das Heer der Angestellten in den großen Firmen übernimmt keine Eigenverantwortung. Es gehorcht. Indes werden Japans Hierarchien heute nicht (mehr) von Autokraten geführt, sondern von Aufsteigern, die als Befehlsempfänger groß geworden sind. Im Zentrum der jeweiligen Macht herrscht deshalb ein ideelles Vakuum, auch im Staat. Dieses wird mit abstrakten Vorstellungen gefüllt: dem Japanertum, oder dem Geist von Tepco. So sind die Bosse japanischer Hierarchien wie ihre Untergebenen "Höherem" verpflichtet, etwa dem "Wohl von Tepco".

Blinder Gehorsam seit den Samurai

Dieser kopflose Gehorsam wird gerne mit der Samurai-Tradition erklärt, jener Kultur der schwertragenden Kleinadligen. Die Samurai werden als Japans historische Elite verklärt, obwohl sie vor allem Polizei- und Ordnungsdienste versahen. Sie waren die Einzigen, die Waffen tragen durften, zur Kontrolle wurde ihnen deshalb ein blinder Gehorsam abverlangt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg redete man den Japanern ein, dass dieser Gehorsam ihrer Mentalität entspreche, sie stammten ja von der Kriegerkaste ab. So analysiert es etwa der Harvard-Japanologe Edwin Reischauer. Die Japaner sollten sich an ihre Firmen verdingen, wie die Samurai sich den Fürsten unterwarfen. Das wollen viele Japaner bis heute glauben.

Wenn dieses Modell gerade in der Nachkriegszeit, aber auch vor dem Ersten Weltkrieg, gut funktionierte, dann wohl deshalb, weil Firmen wie Sony, Panasonic oder Toyota damals von Gründer-Patriarchen geleitet wurden. Sie hatten eine Vision, der sich die Belegschaften unterordneten. Heute stehen nur wenigen Unternehmen Visionäre vor. Die meisten anderen, auch Tepco, werden von farb- und rückgratlosen ehemaligen Befehlsempfängern geführt. Und in der Politik setzt sich das System fort.