Warum der nordkoreanische Diktator weiter auf Konfrontation setzt und wie ein Krieg in der Region verhindert werden könnte - ein Interview mit dem südkoreanischen Politikwissenschaftler Jun-Ho Chang.
Der Politologe Jun-Ho Chang ist Professor für Politische Wissenschaft an der Kyung Hee University in Seoul, Südkorea.
Wütender Protest: Südkoreanische Demonstranten zünden ein Bildnis von Kim Jong Il an. (© Foto: dpa)
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sueddeutsche.de: Herr Professor Chang, Nordkorea hat mit seinem Atomtest weltweit große Sorge um die Sicherheit in der Region ausgelöst. Wie gehen die Menschen in Südkorea mit dieser Bedrohung um?
Chang: Auch wenn die meisten äußerlich gelassen wirken: Die Angst sitzt tief. Die Menschen hier können es sich einfach nicht vorstellen, dass Koreaner eine Atomrakete jemals auf andere Koreaner richten. Andererseits nehmen sie die Gefahr, dass dies passieren kann, sehr ernst.
sueddeutsche.de: Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il scheint weiterhin an seinem aggressiven Kurs festhalten zu wollen. Offenbar plant er weitere Atomtests.
Chang: Kim Jong Il geht es um die Selbsterhaltung Nordkoreas beziehungsweise darum, seine Herrschaft zu sichern. Er ist ein Realpolitiker.
Im Hinblick auf seine USA-Politik sieht Kim Jong Il grundsätzlich zwei Optionen: Entweder, er protestiert mit präzise berechnetem Timing und gezielt eingesetzten Mitteln gegen die Vereinigten Staaten, um so seine Interessen durchsetzen zu können. Oder, das wäre die zweite Option: Er akzeptiert die Forderungen der USA. Wie beispielsweise, das Atomprogramm sofort zu stoppen.
Seit einiger Zeit ist das Misstrauen im Verhältnis zwischen den USA und Nordkorea weiter gewachsen. Deshalb hat sich Kim Jong Il für die Protest-Strategie entschieden. Er wollte mit dem Atomtest innenpolitisch den Nordkoreanern Selbstvertrauen geben und die verarmte Bevölkerung psychologisch beruhigen und zusammenschweißen.
Denn die Atombombe gilt als ein Symbol der Stärke und der Fähigkeit, sich selbst zu verteidigen. Außenpolitisch wollte er mit dem Atomtest nicht nur die Nordkorea-Politik der Bush-Regierung beschädigen, sondern die USA auf diese Weise auch zu bilateralen Gesprächen zwingen.
sueddeutsche.de: Bisher lehnen die USA das ab. Um die Gefahr einer nuklearen Katastrophe abzuwenden, müsse man aber "selbst mit dem Teufel reden", hat Südkoreas früherer Präsident Kim Dae Jung kürzlich gesagt.
Chang: Kim Dae Jung hat recht: Die Vereinigten Staaten müssen direkt mit Nordkorea reden. Sonst gibt es keine Lösung. Die USA sollten dabei bedenken: Sie könnten von diesem Konflikt auch profitieren.
sueddeutsche.de: Inwiefern?
Chang: Die Auseinandersetzung könnte für die USA eine Chance sein - vorausgesetzt, sie reagieren anders als beim Irak-Krieg im Jahr 2003 und setzen jetzt auf Diplomatie und Moralität. Damals versuchte die Bush-Regierung, ihre Machtsstellung mit Gewalt zu behaupten.
Wenn sie jetzt aber Moralität zeigen würden, könnten die USA ihren Status als Weltmacht sogar noch stärken. Auch deshalb, weil ihr internationales Ansehen wachsen würde. Moralität bedeutet in diesem Fall, den Konflikt friedlich lösen zu wollen und zu bilateralen Gesprächen bereit zu sein.
Lesen Sie auf Seite 2: Unter welchen Bedingungen eine Eskalation zu befürchten ist - und welche Rolle der künftige UN-Generalsekretär Ban Ki Moon - ein Südkoreaner - bei der Lösung des Konflikts spielen kann.
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