Athen nach der Wahl Griechenland ist bankrott - aber die Instinkte leben weiter

Wer mag den Griechen verdenken, dass sie zornig waren, dass sie die vom Ausland verordnete Sparpolitik abgestraft haben? Doch nach der Wahlpleite der Regierungsparteien bleibt nur Leere und das Triumphgeheul der extremen Linken und Rechten. Was jetzt gefragt ist, hat in Griechenland keine Tradition: Koalitionen, Kompromisse, Kooperation. Es ist Zeit, damit anzufangen.

Ein Kommentar von Kai Strittmatter

So, jetzt ist er da, der Bankrott: Griechenlands alte politische Ordnung ist einfach kollabiert, Sonntagnacht. Und eigentlich müsste man ihm keine Träne nachweinen, jenem System, das Griechenland seit mehr als drei Jahrzehnten mit Korruption und Klientelwirtschaft überzogen hat. Wenn, ja wenn die Griechen sich Gedanken gemacht hätten, was sie denn an seine Stelle setzen möchten. Wenn man wüsste, welche neue Struktur sie an dem Ort jenes morschen, halb verfallenen Gebäudes errichten wollen, das sie gestern so eindrucksvoll in die Luft gejagt haben.

Da aber herrscht erst einmal Leere. Und Ratlosigkeit.

Viele, die Sonntagnacht frenetisch gejubelt haben, werden sich heute insgeheim fragen: Und nun? Sie haben ihrem Zorn über die Alten Luft gemacht, sie haben mit der Vergangenheit abgerechnet. Wer möchte es ihnen verdenken.

Aber die Zukunft, was wird aus ihr? Eine Regierungsbildung wird extrem schwierig. Die politische Mitte ist pulverisiert, die extreme Linke und Rechte gestärkt. In Gefahr ist der Euro, in Gefahr ist aber auch der politische Frieden in Griechenland. Die hasserfüllten Auftritte der Neonazis der "Goldenen Morgenröte" sind ein Menetekel.

Es stimmt nicht, dass die Protestwähler alle gegen das Sparen gestimmt hätten. Sie haben aber sehr wohl gegen die ihnen von EU und IWF verordneten Sparrezepte gestimmt. Diese Rezepte empfinden sie als ungerecht und nutzlos zugleich: Die Sparpolitik hat die griechische Wirtschaft in eine Todesspirale geschickt.

Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die Griechen sich zum weiteren Sparen verpflichten, aber eines darf man jetzt schon prophezeien: Egal, welche Regierung sich schließlich aus den Trümmern in Athen erhebt - ohne Nachverhandlungen, ohne wesentlich stärkere Wachstumsanreize für die griechische Wirtschaft werden Berlin und Brüssel ihre Euro-Rettungspakete nicht halten können.

Ein Problem dieser Wahl: Das Alte wurde abgestraft, die alten Instinkte aber sind lebendig. Auch beim jungen Überraschungssieger, dem erst 38-jährigen Alexis Tsipras. Den unseriösen Populismus, das Leugnen der eigenen Verantwortung, der kindliche Traum vom herbeieilenden weißen Ritter (in diesem Falle der neue französische Präsident François Hollande), der einem die Rettung seinerselbst abnimmt - all das findet man wieder bei Tsipras und seinem Linksbündnis Syriza.

Die zornigen Griechen ergötzten sich an Tsipras Schwur, er werde keinen Cent der Schulden zurückbezahlen. Wer ihnen aber dann ihre Renten auszahlen, ihre Bankkonten garantieren, ihre Krankenhäuser und Schulen am Leben halten soll, an dem Tag, an dem sie die Schuldenzahlungen einstellen und an dem das Finanzsystem zusammenbricht, das verrät Tsipras nicht.

Das ist der Test, den die sich langsam formende neue Ordnung erst noch bestehen muss: ob sie die alten Instinkte überwindet. Eine erste Gelegenheit, sich zu beweisen, erhalten die Politiker in die nächsten Tagen. Das Wahlergebnis zwingt zu Koalitionen, zur Kooperation, zum Kompromiss: Alles Dinge, die keine Tradition haben im politischen Griechenland. Es ist aber nun Zeit, neue Traditionen zu begründen. Sonst droht dem Land die Polarisierung. Straßenkämpfe, Staatsbankrott, das Abrutschen in eine Katastrophe, gegen die die letzten beiden Jahre harmlos waren. Nichts ist ausgeschlossen.