Asylbewerber ohne Pass Besonders Sierra Leone stellt bereitwillig Papiere aus

Die Sprachen auf dem afrikanischen Kontinent überlappen sich wie auch die Ethnien, nur selten folgen sie dem Verlauf von Staatsgrenzen. Das wirft auch einen Schatten auf jene Papiere, welche die ausländischen Delegationen bereitwillig ausstellen: Beamte aus Guinea haben in den vergangenen Jahren jeden zweiten vorgeführten Asylbewerber mit guineischen Papieren ausgestattet.

Als die Landesregierung von Niedersachsen im Jahr 2007 erklärte, die guineischen Delegierten berücksichtigten auch die Gesichtsform von Flüchtlingen, stoppte ein Lüneburger Verwaltungsrichter erstmals eine Abschiebung: Die Bevölkerung Guineas bilde keine abgrenzbare "Rasse", die in Guinea vertretenen Ethnien lebten vielmehr in ganz Westafrika.

Die, wenn man es so nennen will, erfolgreichste Zusammenarbeit aber hat sich mit der Republik Sierra Leone etabliert, einem der laut UN-Index am wenigsten entwickelten Länder der Erde. Im Jahr 2008 stellten die sierra-leonischen Beamten für zwei von drei Asylbewerbern, die ihnen vorgeführt wurden, Papiere aus.

Prämien, Verpflegung, sogar Karten für ein HSV-Spiel

Später förderten Klagen vor Verwaltungsgerichten zu Tage, was viele Anwälte als das Geheimnis der beeindruckenden Zuordnung betrachten: Laut Aufzeichnungen der Bundespolizei erhielten die Beamten Prämien von 250 Euro für jeden Asylbewerber, dem sie Papiere ausstellten. Hinzu kam eine Tagespauschale von etwa 200 Euro sowie Geld für Verpflegung und Unterkunft. Die Bundespolizisten luden sogar zu einem Uefa-Cup-Fußballspiel in Hamburg - und ließen für 63,50 Euro bei einem Schlüsseldienst den sierra-leonischen Dienststempel der Beamten anfertigen, die ohne Hoheitszeichen angereist waren.

Der Sprecher der Bundespolizei erklärt die Erfolgsquoten der Delegierten so: Den eingeflogenen Beamten würden eben nicht wahllos Afrikaner vorgeführt, sondern von vornherein nur solche, bei denen man aus bestimmten Gründen eine sierra-leonische Staatsangehörigkeit vermute.

Zwei Verwaltungsgerichte, in Magdeburg und Bremen, weigerten sich dennoch, die gegen Geld ausgestellten Papiere für eine Abschiebung zu akzeptieren. Und als nun wieder Vorladungen für Berlin an papierlose Afrikaner verschickt wurden, kritisierten die Magdeburger Richter ungewohnt deutlich, "dass die Vertreter afrikanischer Staaten gegen Bezahlung tätig werden und möglicherweise Gefälligkeitsbescheinigungen ausstellen". Gemeinsam mit dem Verwaltungsgericht Braunschweig stellte es den Sans papiers in seinem Einzugsgebiet frei, die Vorladungen wahrzunehmen - obwohl der Sprecher der Bundespolizei betont, dass die sierra-leonischen Beamten diesmal deutlich weniger Tagesgeld erhielten und sich das Unterhaltungsprogramm auf eine Rundfahrt durch die Hauptstadt beschränke.

Am Ende ist John Kanu einer der Wenigen, die überhaupt zur Anhörung nach Berlin mussten. Denn ihm hatte das zuständige Verwaltungsgericht in Gera knapp beschieden: Da das Bundespolizeipräsidium die Veranstaltung ausrichte, sei von einem seriösen Verfahren auszugehen. Nachdem Kanu es geschafft hat, auf die Frage nach seinem Vater auch beim dritten Mal keine Silbe zu sagen, kehrt er zurück nach Thüringen, in seine Flüchtlingsunterkunft. Bis zur nächsten Vorladung.

Anmerkung der Redaktion: Sierra Leone belegt im Human Development Index 2011 der UN, welcher am 2. November veröffentlicht wurde, "einen der letzten Plätze" (von 187 Staaten wird es nun auf 180 geführt) - und nicht den allerletzten Platz, wie zunächst vermeldet.