Asylbewerber in Sachsen Wie die NPD gegen Flüchtlinge mobil macht

Im sächsischen Schneeberg organisiert die rechtsextreme NPD einen bräunlichen Flashmob gegen Asylbewerber. Der Bürgermeister tut sich schwer, mit Friedensgebet, Hüpfburg und Ponyreiten dagegenzuhalten.

Eine Reportage von Cornelius Pollmer, Schneeberg

Ein paar beschriftete Kacheln durchsetzen das Panoramafenster in Frieder Stimpels Büro, auf einer von ihnen steht: "Dem Schwachen Schutz, dem Starken Trutz". Für Stimpel wäre es ein Segen, müsste er diese Kachel nur antippen, wie bei einem Smartphone, und dann würde sich ein Programm öffnen, das ihm erklärt, wie er das schaffen soll in seiner Stadt.

Nur konkurrieren in Schneeberg im Erzgebirge die Bedürfnisse nach Schutz und Trutz gerade so heftig miteinander, dass Stimpel seinen Urlaub abgesagt hat. Der Bürgermeister wird am Montag ins Büro gehen, er wird am Dienstag ins Büro gehen, "und was sonst passiert in dieser Woche, das weiß ich beim besten Willen nicht".

Die Schwachen, die es zu beschützen gilt, das sind die knapp 400 Asylbewerber in der ehemaligen Jägerkaserne im Südwesten der Stadt, etwa die Hälfte von ihnen Kinder. Weil die Zahl der Anträge deutlich gestiegen war, hatte Sachsens zentrale Aufnahmestelle in Chemnitz im Sommer die Grenzen ihrer Kapazität überschritten, es gab Gewalt unter den Bewohnern. Der Freistaat mietete daraufhin Teile der ehemaligen Bundeswehrkaserne in Schneeberg als Außenstelle an. Serben, Tschetschenen, Georgier erwarten hier die Prüfung ihres Asylantrages.

1000 Demonstranten - bei 15.000 Einwohnern

Die Starken, denen es zu trutzen gilt, das ist ein faktisch von der Neonazi-Partei NPD organisierter Protest gegen die Außenstelle und deren Bewohner. Er wird von Teilen der Bevölkerung mitgetragen. Stefan Hartung, Gemeinderat der NPD aus dem Nachbarort Bad Schlema, hat für die Facebook-Gruppe "Schneeberg wehrt sich!" fast 2900 Mitglieder zusammengeflötet und einen bräunlichen Flashmob organisiert. Beim ersten "Lichtellauf" am Samstag vor einer Woche zogen mehr als 1000 Menschen durch eine Stadt, die keine 15.000 Einwohner zählt.

Die Demonstranten hielten Fackeln in der Hand, sie riefen "Wir sind das Volk", auf Transparenten stand: "Wir sind Bürger, keine Nazis". Bei einer Kundgebung auf dem Marktplatz ging auch eine 16-jährige Schülerin ans Mikrofon und sagte, sie wolle sich endlich wieder frei bewegen können, "ohne Angst zu haben, angebaggert, bedroht oder beklaut zu werden". Die Leute klatschten, die Schülerin konnte nicht anders als lächeln, überwältigt von so viel Anerkennung.

Dem Schwachen Schutz, dem Starken Trutz. Wie wird man diesem Grundsatz gerecht, wenn der eigentlich Starke sich als schwach ausgibt?

Stefan Hartung sagt: "Ich denke schon, dass das mutig ist, was ich mache. Ich habe Vorbilder wie Mahatma Gandhi oder Otto von Bismarck, und das sind ja Persönlichkeiten, die etwas riskiert haben, um Ziele zu erreichen."

Mit seiner Gruppe bei Facebook bietet Hartung, der Gemeinderat von Bad Schlema, tatsächlich nur ein Forum für alles mögliche Hörensagen. Hier habe ein Asylbewerber in einen Garten uriniert, da habe ein anderer ein Handy geklaut. Das alles würde nur nicht zur Anzeige gebracht, weil die Leute Sanktionen durch Leute wie Bürgermeister Stimpel fürchteten - sagt Hartung. So soll die Saat der NPD aufgehen: Man behauptet pauschal Vergehen der Asylbewerber. Wenn Belege dafür fehlen, sind daran schon wieder die anderen Schuld.

Ein Friedensgebet mit Clown und Ponyreiten

Frieder Stimpel sagt: "Was Hartung jetzt macht, dem ist man nicht gewachsen, wenn man anständig sein will." Auf der einen Seite gab es also diesen Fackellauf, bei dem sich Menschen in die Tradition mutiger Freiheitskämpfer hineinillusionierten und sich an der eigenen Vielzahl berauschten. Auf der anderen Seite organisierte Stimpel ein Friedensgebet und ein Fest für Menschlichkeit - mit Hüpfburg, dem "bekannten Clown Fridolin" und Ponyreiten.

Samstag, 14 Uhr, Marktplatz. Zur Eröffnung des Festes hält Stimpel eine kurze Rede. Gleich werden zwei Busse mit Asylbewerbern aus der Kaserne vorfahren, Stimpel bittet die paar Hundert Bürger auf dem Markt: "Lassen Sie es sich gefallen. Und nun wart' mer, bis die anderen kommen."

Das muss man sich als Asylbewerber dann schon mal fragen: Welches verrückte Land ist das eigentlich, in dem ich hier geraten bin? Erst machte die Kunde vom Fackellauf die Runde, dessen Ziel auch die Schließung der Außenstelle in der Kaserne ist. Und nun bietet die Regionalverkehr Erzgebirge GmbH eine Eskorte zum Marktplatz an, wo einem "ein herzliches Glückauf und Strastwuitje!" zugerufen wird und sechs cowboybehutete Country Line Dancer über die Bühne tänzeln. Willkommen in Deutschland.

"Ist doch ein bisschen übersichtlich hier, da war letzten Samstag mehr los", sagt Stefan Hartung. Der NPD-Mann hat vor dem Ratskeller Platz genommen, ein Radler bestellt, und seine Position zum "Meinungsfaschismus in diesem Land" dargelegt. Was ist eigentlich sein Problem? "Dass hier so einer Idylle ein Asylbewerberheim übergestülpt wird." Hartung ist 24 Jahre alt, aufgewachsen in Bad Schlema, Ausbildung zum Kaufmann für Informatik in Aue. Er behauptet, das Idyll bewahren zu müssen, denn "die Politik hat verlernt, auf die zu hören, die hier eigentlich das Sagen haben: das Volk".

Bedrohungslage skizzieren, Handlungsschwäche unterstellen. So einfach soll das sein. Hartung will einen Bürgerentscheid anstrengen. Bürger entscheiden, das klingt immer gut. Aber wie das mit dem Bürgerentscheid in Schneeberg gehen soll, bei einem privaten Grundstück, in das sich das Land Sachsen eingemietet hat, das vermag Hartung nun auch nicht zu sagen.

"Ich weiß, wo er wohnt"

Der Protest der angeblich braven Bürger gegen die angeblich kriminellen Ausländer sieht übrigens auch so aus, dass Hartung mit 50 Leuten neulich vor das Haus des Bürgermeisters gezogen ist. Er hatte bei der Kundgebung behauptet, der Stimpel stelle sich nicht den Fragen seiner Bürger. "Na wenn er nich' da ist, dann gehen wir eben zu ihm hin", rief einer. "Ich weiß, wo er wohnt", rief ein zweiter. Und dann gingen sie im Dunkeln hin, und belagerten Stimpel für eine Viertelstunde.

"Das ist kein gutes Gefühl", sagt Frieder Stimpel und schluckt den Sorgenkloß in seinem Hals gleich runter. "Wie es in mir aussieht, muss außen vor bleiben, ich muss jetzt als Captain vorneweg gehen." Seit 1994 ist Stimpel der Captain von Schneeberg, in einer Gegend, wo das konservative Profil seiner CDU noch nicht verwaschen worden ist. Er wolle "fairerweise" sagen, dass so viele Asylbewerber für eine so kleine Stadt herausfordernd seien. Deswegen müsse man die Bedenken der "Lichtelläufer" ernst nehmen. Aber man müsse ihnen auch erklären, dass sie auf Leimruten der NPD liefen, "etwas anderes zu glauben, ist schon ein bisschen naiv".

Stefan Hartung hat den Leuten Flöhe ins Ohr gesetzt und dort tanzen sie jetzt - wahrnehmbar wieder am Samstag, wenn es den nächsten "Lichtellauf" gibt. Bürgermeister Stimpel versucht es nun mit einer Info-Veranstaltung des Innenministeriums. Es ist natürlich anstrengender, sich einer Diskussion zu stellen, als beim Fackellauf ins große Rabimmel, Rabammel, Rabumm einzustimmen. Schwer zu sagen, ob Stimpel mit Aufklärung gegen die Eventmärsche der NPD ankommen wird.

Bei dem ganzen Protest und Gegenprotest gerät zuweilen aus dem Blick, was eigentlich des Gezänks Anlass ist. Nach dem Fest am Samstag fahren die Asylbewerber zurück in die Kaserne. Baucontainer sieht man dort, gerodetes Land und blaugraue Bauten.

An den Fenstern stehen Kinder und winken. "Hi, wie geht's?", ruft einer der Jungen. Er ist es, dem diese Frage gestellt gehört.