Asylbewerber Deutschland braucht Hunderttausende Einwanderer - jedes Jahr

Ein Bus mit Flüchtlingen erreicht Passau.

(Foto: AFP)

Mag ja sein, dass 2015 so viele Flüchtlinge kommen wie noch nie. Aber sie werden Deutschland nicht überfordern. Sie sind eine Chance für eine alternde Gesellschaft.

Kommentar von Jan Bielicki

Vielleicht kommen mehr als 600 000. Oder werden es gar 750 000 sein? Es ist, als ob sich eine Großstadt vom Ausmaße Frankfurts auf den Weg macht, um in Deutschland Zuflucht zu suchen. So viele Asylbewerber wie noch nie erwarten die Behörden in diesem Jahr. Und die Bilder, die das große Ankommen illustrieren, machen manchem Angst. Sie zeigen ein Land, das dem Notstand nah zu sein scheint: überfüllte Flüchtlingsheime, hastig in die Nachbarschaft gestapelte Wohncontainer, Matratzenlager in Turnhallen, Zelte gar - und dann sind da noch die Boote auf dem Mittelmeer, vollgepfercht mit Flüchtlingen. Das kann ungute Assoziationen wecken.

Doch Deutschland ist kein Boot, es ist nicht voll, es sinkt nicht, und es muss weder die Zahlen fürchten noch die Menschen, die dahinter stehen.

Denn ein genauerer Blick auf die Zahlen nimmt ihnen den Schrecken. Zunächst gilt: Nicht jeder, der kommt, bleibt auch. Viele, die hier Asyl beantragen, haben keine Chance darauf und müssen wieder gehen. Sie gehören eigentlich nicht ins Asylsystem, weil sie nicht Schutz vor Verfolgung, sondern wirtschaftliche Perspektiven suchen, die ihnen ihre Heimatländer nicht bieten können. 40 Prozent aller Asylbewerber kommen aus den sechs Balkanstaaten, die über kurz oder lang zur EU gehören werden. Ihr zahlreiches Kommen erinnert das übrige Europa freilich daran, sich zu beeilen, diese Länder - die zusammen nicht viel mehr Einwohner haben, als die frühere DDR hatte - fit für einen Beitritt zu machen.

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Das würde die Lage sehr entdramatisieren. Zum Vergleich: Aus dem EU-Staat Rumänien kamen 2014 mehr als 150 000 Menschen nach Deutschland, aus dem EU-Staat Polen waren es fast ebenso viele; wie übrigens schon in den Jahren zuvor. Insgesamt zogen im vergangenen Jahr mehr als 1,1 Millionen Ausländer hierher (und eine halbe Million wieder weg), 60 Prozent von ihnen waren EU-Bürger.

Deutschlands Geburtendefizit wird noch größer

Und? Die Ängste vor den Fremden, vorher stark geschürt, erwiesen sich als unbegründet. Ein großer Teil der Migranten fügt sich völlig geräuschlos ein in ein Land, in dem jedes Jahr etwa 200 000 Bewohner mehr sterben als geboren werden - und dieses Geburtendefizit wird in den nächsten Jahren noch größer werden. Deutschland braucht Einwanderer, und zwar Hunderttausende jedes Jahr.

Das heißt nicht, dass es keine Probleme bereitet, diese Menschen zu integrieren. Es ist eine Herausforderung für ein Land, das laut Prognosen eigentlich seiner Entleerung entgegendämmerte. Natürlich muss die Bürokratie sehen, wie sie den rasch gestiegenen Antragszahlen hinterherkommt, natürlich muss es Wohnungen geben und Jobs, für die Zuzügler wie für die Altansässigen. Vor allem aber muss es darum gehen, sehr viele Menschen sehr rasch an Sprache, Bildung und Beruf kommen zu lassen. Das wird Geld kosten - und es wert sein: Ein Drittel der Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche, ein weiteres Viertel noch nicht 25 Jahre alt. Sie sind eine Chance für ein alterndes Land.

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