Asyl für Edward Snowden Flucht mit Flug SU 150

Bolivien, Nicaragua und Venezuela bieten Edward Snowden Asyl an. Dort gilt Amerikas Staatsfeind als Held, der in einem "Akt der Rebellion" gehandelt habe. Doch die Reise in diese Länder lässt sich nur schwer realisieren.

Von Peter Burghardt, Buenos Aires

Theoretisch könnte der derzeit bekannteste Flüchtling der Welt sofort in ein Flugzeug steigen und nach Lateinamerika fliegen. Eine Möglichkeit wäre der Flug SU 150, der fünfmal die Woche um 14:05 Uhr in Moskau abhebt und um 18:45 Uhr in Havanna landet. Starten würde Edward Snowden in diesem Fall praktischerweise am Flughafen Scheremetjewo, in dessen Transitbereich er seit dem 23. Juni auf seiner Flucht aus den USA ohne gültige Papiere festsitzt. Von Kuba aus ginge es nach Venezuela, Bolivien oder Nicaragua.

Oder eines dieser Länder schickt dem vormaligen Computerexperten des US-Geheimdienstes eine Maschine, die ausdauerndsten Modelle besitzt die venezolanische Regierung. Praktisch wird es schwieriger, doch offiziell willkommen ist der Whistleblower in drei Staaten.

Caracas, La Paz und Managua sicherten Snowden am Wochenende Bleiberecht zu, insgesamt hatte er sich in 27 Nationen beworben. Zu Hause würden ihm Festnahme, Gerichtsverfahren und Gefängnis drohen, denn der 30 Jahre alte Amerikaner hatte verraten, dass die USA sogar Verbündete wie die Europäische Union abhören.

Er biete Snowden "humanitäres Asyl" an, verkündete Venezuelas Präsident Nicolás Maduro während der Militärparade zum 202. Jubiläum der venezolanischen Unabhängigkeit. "Das Vaterland Chávez' und Bolívars" werde ihn vor der Verfolgung beschützen, "die das mächtigste Imperium der Welt gegen einen jungen Mann entfesselt hat, der nichts anderes als die Wahrheit gesagt hat." Die Wahrheit über "die Spionage der USA gegen die Welt". Für Washington ist das Vaterlandsverrat, für Maduro "ein Akt der Rebellion".

Auch Bolivien und Nicaragua wollen Snowden aufnehmen. Er sei bereit, sagte der nicaraguanische Präsident Daniel Ortega, "wenn die Umstände es zulassen." Der bolivianische Kollege Evo Morales erklärte, sein Angebot sei ein "gerechter Protest. Wir haben keine Angst."

Das Trio öffnet die Grenzen vor allem deshalb, weil sie Morales am Donnerstag in Europa geschlossen worden waren. Frankreich, Spanien und Portugal hatten dem bolivianischen Staatsoberhaupt bei dessen Heimreise von einem Besuch in Russland die Überfluggenehmigung oder die Erlaubnis zum Zwischenstopp verweigert, weil sie dachten, Snowden säße in seinem Jet. Der sozialistische Bolivianer und seine Delegation hatten daraufhin wegen Treibstoffmangels in Wien landen und dort 13 Stunden verbringen müssen.

Warten auf Russlands Reaktion

Dem Skandal folgte am Freitag in Cochabamba eine Krisensitzung der südamerikanischen Vereinigung Unasur, am Dienstag will auch die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) beraten. Mehrere lateinamerikanische Regierungen sind entsetzt über den peinlichen Affront von EU-Mitgliedern gegen Morales. Sie glauben, Europa sei vor den USA eingeknickt. Spaniens konservativer Außenminister José Manuel García-Margallo erweiterte die europäischen Ungeschicklichkeiten um den Hinweis, Spanien habe keinen Grund, Bolivien um Entschuldigung zu bitten.

Aus Sorge vor Ärger mit den USA lehnen die meisten Länder Snowdens Asylgesuch ab. Vor allem Venezuelas Vorstoß könnte nun ernst zu nehmen sein. Die linksgerichtete Führung ist mit Washington zerstritten, seit sich der mittlerweile verstorbene Präsident Hugo Chávez Kuba zuwandte und US-kritische Allianzen schmiedete. Sein Nachfolger Maduro setzt die Freundschaft mit Havanna fort, andererseits hatte es zuletzt Ansätze einer Annäherung gegeben. Auch sind die USA wie gehabt der wichtigste Kunde von venezolanischem Erdöl. Die Opposition wirft Maduro derweil vor, mit Snowden von innenpolitischen Schwierigkeiten ablenken zu wollen. Maduros Rivale Henrique Capriles erkennt die mutmaßliche Niederlage bei der Präsidentschaftswahl vom 14. April nicht an.

Unklar ist, wie Russland reagiert. Moskau hatte durchblicken lassen, dass man das Problem Snowden gerne so schnell wie möglich loswerden würde. Die russischen Behörden müssten Snowden Reisepapiere ausstellen, seinen Pass hatten die USA für ungültig erklärt. Danach müsste ein Flug eine Route ohne Barrieren im Luftraum finden. "Asyl für Snowden in Venezuela wäre die beste Lösung", teilte Alexej Puschkow, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses der Staatsduma, mit. Venezuelas Außenminister Elías Jaua sagte, man wolle am Montag erfahren, ob Snowden in venezolanisches Asyl gehen will.