Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Die Aschewolke und das Flugchaos sind ein Lehrstück: Luftraum wie Politik in Europa sind zerklüftet, national und wenig reformfähig. Es könnte so vieles einfacher sein, wenn die Nationen überkommene Vorstellungen von Souveränität fallen ließen.

Europa und sein Himmel sind sich ähnlicher als es einem lieb sein kann. Die politische Tektonik am Boden spiegelt in verblüffender Weise, was sich gerade in den Luftgefilden über dem Kontinent abspielt.

Aschewolke; Flugzeug; dpa

Flugzeug am Frankfurter Flughafen: Die Aschewolke offenbarte eine große Schwäche der Europäischen Union. (© Foto: dpa)

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Wer es in der Griechenland-Krise nicht verstanden hat, dem erteilt nun der isländische Vulkan erneut eine Lehre: Europa ist ein Flickenteppich, politisches Stückwerk, maximal die Summe nationaler Ambitionen. Und immer schmerzlicher erfahren die Bürger Europas, dass ihre Gemeinschaft nicht so innig verbunden ist, wie sie dies manchmal gerne unterstellen.

Als wär's ein Stück aus dem Kabarett, so haben sich die Länder Europas darauf geeinigt, lediglich den oberen Luftraum gemeinsam, also mit einer Flugsicherungs-Zentrale, zu verwalten. Die kümmert sich nur um alle Flugzeuge, die den Kontinent in großer Höhe überfliegen wollen. Wer aber hinab oder hinauf will, wer also den europäischen Boden unter den Füßen spüren möchte, der begibt sich in den Dschungel der Nationen.

Wo sich die gewaltigen USA drei Kontrollzentren leisten, bringen es die Nationen Europas auf rund 30. Sie alle verlangen Gebühren, bestimmen Umweltrichtlinien, leiten um oder weisen ab, kurzum: zerschneiden Europas Luftraum in nationale Raubrittertümer, die so gar nicht zu diesem globalisierten Wirtschaftsfaktor Flugverkehr passen wollen.

Jeder Versuch einer Reform - und davon gab und gibt es wahrlich genug - scheiterte bisher an nationalen Interessen. Luftraum ist Hoheitsraum, und gäben die Nationen die Kontrolle darüber ab, dann verzichteten sie auf Souveränitäts-Rechte.

Wäre das schlimm? Wahrlich nicht, denn dann bliebe den Fluggästen das Chaos erspart, das sich jetzt mit der völlig willkürlich anmutenden Öffnung und Schließung von Flughäfen und Lufträumen in ganz Europa abspielt. Als wäre der Flugverkehr kein globales Geschäft, verfährt Nation um Nation nach wenig nachvollziehbaren Regeln und Empfehlungen der nationalen Wetterdienste. Selten mutete Europa so kleinteilig an.

Ehrlicherweise muss man eingestehen, dass selbst eine einheitliche Steuerung des gesamten europäischen Luftraums nicht mehr Klarheit in Bezug auf das eigentliche Problem erbracht hätte: Ist die Wolke nun gefährlich oder nicht? Um diese Frage vernünftig beantworten zu können, bräuchte es mehr als eine unzureichende Computersimulation und ein paar Wetterballons. Aber bis auf Italien und das Nicht-EU-Mitglied Island hat kein Staat Europas ein solches Vulkan-Problem, und damit offenbar auch keine Veranlassung, sich auf ein seltenes Naturphänomen einzustellen.

Der Ascheflug gibt also ein wichtiges politisches Lehrstück ab: Es könnte so vieles einfacher sein in Europa, wenn die Nationen überkommene Vorstellungen von Souveränität fallen ließen. Der speiende Schlund auf Island fällt unter die Kategorie höhere Gewalt. Alles andere aber könnte eine Frage des politischen Willens sein.

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(SZ vom 21.04.2010/aho)