Von Von Matthias Drobinski

Zehn Millionen Deutsche sind von Armut bedroht, doch kaum jemand muss in Deutschland hungern - soziale Ungleichheit zeigt sich eher in Lebenschancen.

Einst führten die Armen ein fideles Leben - zumindest schien es so, wenn Dichter über sie schrieben und Musiker über sie sangen. Sie feierten ausgelassene Bettelhochzeiten, waren lustig und froh, verkauften ihre Bettchen und schliefen auf Stroh.

Armut

Niemand muss hungern: Ein kostenloses Adventsessen in Berlin. (© Foto: dpa)

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Die Armen hatten ihren Platz im universellen Heilsplan, sie mahnten den Reichen zur Mildtätigkeit und erinnerten ihn an die Vergänglichkeit des Besitzes; ein Abglanz des Lichtes, in dem die selbstgewählte Armut der Mönche stand, fiel auch auf die Bedürftigen. Die Wahrheit war natürlich eine andere: Arme vegetierten und krepierten bis zu den Hungerkrisen des 19. Jahrhunderts auf das Erbärmlichste.

1,2 Milliarden Arme

Die Armut war nicht fröhlich und sauber, sie war dreckig und gewalttätig. Doch erst im 19. Jahrhundert begriffen Marxisten und Sozialisten, Christen und liberale Bürger die Massenarmut nicht mehr als mitleiderregende Gottgegebenheit, sondern als Missstand, den es zu beseitigen galt. Armut gehörte bekämpft, je nach Ideologie durch die Revolution oder den Sozialstaat.

In der Armutsbekämpfung ist die Bundesrepublik Deutschland erfolgreich gewesen wie kaum ein anderes Land auf der Welt. Arm - nach der Definition der Vereinten Nationen - ist, wer weniger als einen US-Dollar am Tag zum Leben hat, keine medizinische Versorgung, kein sauberes Wasser, wer keine Chance hat, Lesen und Schreiben zu lernen.

Weltweit 1,2 Milliarden Menschen sind im Sinne der UN arm; in Deutschland findet sich solche Armut nicht. Hier muss niemand verhungern, für Obdachlose gibt es Notunterkünfte, verwahrloste Kinder kommen ins Heim, und 345 Euro Existenzminimum stehen jedem Menschen zu - sofern er nicht Flüchtling ist und mit weniger auskommen muss.

Was ist relative Armut?

Auch deshalb sind Armutsberichte in Deutschland immer umstritten. Es geht in ihnen um relative Armut, um die Frage, wie der Wohlstand in einem reichen Land verteilt ist und ob er zu Recht so verteilt ist. Und damit geht es um sehr politische Fragen.

Arm ist, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat, lautet die Definition der Europäischen Union. Der aktuelle Bericht des Statistischen Bundesamtes zu "Leben in Europa" kommt dabei auf 856 Euro Monatseinkommen pro Person; unterhalb davon beginnt die Armut.

Diese trifft, da sind sich der 2005 erschienene Armutsbericht der Regierung und das Statistische Bundesamt in Wiesbaden einig, ungefähr elf Millionen Menschen im Land. 13 Prozent der Einwohner sind von Armut bedroht.

Über europäischem Durchschnitt

Das liegt zwar über dem europäischen Durchschnitt, ist aber für eines der reichsten Länder der Welt trotzdem ein Armutszeugnis. Und vor allem für die Sozialträger und Wohlfahrtsverbände eine gute Gelegenheit, mehr Armutsbekämpfung zu fordern.

Kritiker solcher Untersuchungen monieren dagegen immer wieder die Willkür, die hinter den Zahlen steckt. Wenn nun vom kommenden Montag an alle das doppelte Einkommen haben, gibt es dann immer noch genauso viele Arme im Land wie zuvor?

Seit den sechziger Jahren hat sich auch inflationsbereinigt das verfügbare Einkommen der Deutschen vervielfacht - warum also gab es damals eine Studenten-, aber keine Armenrevolte? Und ist ein Student bei gleichem Einkommen so arm wie eine Alleinerziehende ohne Ausbildung?

Da viele Menschen ein Einkommen haben, das nahe der fiktiven Armutsgrenzen liegt, lässt sich die Zahl der Armen dramatisch erhöhen oder senken, wenn man diese Grenze nur ein wenig nach oben oder unten verschiebt.

Ausgrenzungen

Andererseits kann in einem reichen Land die Armut nur über das Verhältnis zum durchschnittlichen Wohlstand beschrieben werden. Denn wer deutlich weniger verdient als der Bevölkerungsdurchschnitt, ist häufig ausgegrenzt.

Er kann sich weniger leisten oder ist schnell überschuldet, er finanziert seinen Kindern seltener die bestmögliche Ausbildung, Klassenfahrten, Kleider und Kindergeburtstage werden zum Problem, inzwischen auch regelmäßige Arztbesuche.

Dies alles stimmt, hängt aber nicht ausschließlich mit dem Einkommen zusammen. Das gilt mittlerweile als größte Fehlannahme der starren Armutsgrenzen: Sie beschreiben Armut zunächst nur als Geldmangel.

Die EU nennt deshalb mittlerweile Menschen arm, "wenn sie über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in ihrer Gesellschaft als Minimum annehmbar ist." Armut als Mangel an Teilhabe - so sieht es auch die im Juni veröffentlichte Armutsdenkschrift der evangelischen Kirche.

Starre Einkommensgrenzen

Arm ist demnach, wer nicht arbeiten kann, wem Deutsch-Kenntnisse und Bildung fehlen, wer seine Kinder nicht in der Schule unterstützen kann. Eine Definition, die der tatsächlichen Gestalt der Armut in Deutschland näherkommt als starre Einkommensgrenzen. Es gibt Menschen, die arm sind, weil sie aus Unwissenheit, wegen mangelnden Sprachkenntnissen, psychischer oder sozialer Labilität nicht mit Geld umgehen können. Ihre Einkommen zu erhöhen würde ihre Probleme nicht lösen.

Den Abschied von der Verteilungsfrage bedeutet dies allerdings nicht: Wer - zu Recht - Armut stärker als noch vor zehn Jahren als Bildungs- und weniger als Problem der Geldverteilung sieht, muss auch erklären, woher er das Geld für mehr Bildung und mehr Betreuung nehmen will. Armutsbekämpfung ist seit dem 19. Jahrhundert eine Verteilungsfrage. Die Romantisierung der Bedürftigkeit ist keine Alternative.

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(SZ vom 7.12.2006)