Ein Kommentar von Kai Strittmatter

Der US-Kongress hat die türkischen Massaker an den Armeniern nach 1915 offiziell zum Völkermord erklärt. Diese Einschätzung wird vielfach geteilt. Trotzdem könnte der Beschluss Schaden anrichten - denn er spielt er den türkischen Nationalisten in die Hände.

Auch eine kaputte Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit an, sagt ein türkisches Sprichwort. Dem amerikanischen Präsidenten muss auch derjenige manchmal recht geben, der ansonsten nicht viel von ihm hält. Am Mittwoch sagte George W. Bush das Richtige.

Anzeige

"Diese Resolution ist nicht die rechte Antwort auf die historischen Massaker", warnte er den Auswärtigen Ausschuss des Repräsentantenhauses. Gleich danach tat der Ausschuss das Falsche: Er erklärte die türkischen Massaker an den Armeniern nach 1915 offiziell zum "Völkermord".

Nun gibt es nicht wenige Historiker, die diese Einschätzung teilen. Und ja, die meisten Türken, Regierung wie Volk, sind unter dem Einfluss einer manipulierten Geschichtsschreibung noch immer nicht bereit, sich dem zu stellen, was damals wirklich geschehen ist im Osmanischen Reich, dem Vorgängerstaat der heutigen Republik: die Vernichtung und Vertreibung der Armenier aus Anatolien. Der Beschluss aus Washington kommt also moralisch wohlfeil daher - und trotzdem ist er mehr als nur überflüssig.

Er könnte großen Schaden anrichten, und zwar auf gleich zwei Ebenen: Sabotiert werden fundamentale realpolitische Interessen, sabotiert werden aber auch die Bemühungen um Wahrheitsfindung in der Türkei selbst. Zuerst zur Realpolitik: Nicht weniger als acht frühere US-Außenminister, unter ihnen Madeleine Albright und Henry Kissinger, haben gegen die Resolution gekämpft.

Denn die USA und der Westen brauchen die Türkei als zuverlässigen Verbündeten. Das Land unterhält die zweitgrößte Armee innerhalb der Nato und ist ein wichtiger Anker der Stabilität in einer zunehmend feindseligen und instabilen Region.

Ansteigende anti-amerikanische Welle

Ein großer Teil des Nachschubs für die US-Truppen gelangt durch die Türkei in den Irak und nach Afghanistan. Schon drohen in Ankara manche damit, die US-Luftwaffenbasis im türkischen Incirlik zu schließen.

Fatal ist jedoch vor allem der Zeitpunkt: Die Resolution fällt in eine ansteigende Welle von anti-amerikanischer und anti-westlicher Rhetorik in der Türkei. "Dafür werden sie bezahlen!", war die Schlagzeile der Zeitung Vatan am Donnerstag. Vor allem die Tatsache, dass die USA nichts gegen die PKK-Terrorgruppen im Irak unternehmen, die von dort aus Anschläge in der Türkei planen, hat viele Türken verbittert.

Es wird kaum ein Zufall sein, dass die Entscheidung Ankaras für grenzüberschreitende Militäroperationen in den Nordirak zusammenfällt mit der Resolution in Washington. Erdogan steht nach blutigen PKK-Angriffen zunehmend unter Druck von nationalistischen und militaristischen Kreisen im Land, die ihn wegen seiner bisherigen Politik der Mäßigung stets als Büttel der Amerikaner verhöhnten.

Nun feiert vor allem die armenische Diaspora die Resolution als Sieg der Moral über die Interessenpolitik. Doch die Sache ist komplizierter. In den vergangenen Jahren ist in der Türkei Denkwürdiges geschehen. Die alten Tabus haben Risse bekommen, Intellektuelle, Autoren und Journalisten dringen auf eine echte Aufarbeitung der Massaker. Erstmals wurden Konferenzen zu den Armenier-Morden abgehalten, Romane zu dem Thema veröffentlicht.

Bei den zaghaften Versuchen, die Vergangenheit aufzuarbeiten, helfen die Resolutionen ausländischer Parlamente nicht. Im Gegenteil, sie spielen den Nationalisten und Leugnern in die Hände. Nicht umsonst hat der armenischstämmige Istanbuler Journalist Hrant Dink vor seiner Ermordung stets gesagt: Ja, es war Völkermord - aber, um Himmels willen, verschont uns mit euren Resolutionen.

Die Dinge drohen nun aus dem Ruder zu laufen, auf beiden Seiten des Atlantiks. Aber noch ist es nicht zu spät. Das amerikanische Repräsentantenhaus selbst wird erst im November über die Resolution abstimmen. Es sollte dem Ausschuss nicht folgen.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Richter gegen Richter

Zoff im Bundesgerichtshof: Eine Personalie führt zu heftigen Verwerfungen – die Akte Karlsruhe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 12.10.2007)