Argentinien: Néstor Kirchner Der Tod des mächtigen Reformers

Néstor Kirchner und seine Frau Cristina beherrschten Argentinien so sehr wie zuvor nur die Peróns. Jetzt erlag der Ex-Präsident überraschend einem Herzinfarkt.

Von Peter Burghardt

Am Tag, als der frühere Präsident Néstor Kirchner starb, war Volkszählung in Argentinien. Büros, Geschäfte und Lokale blieben an diesem Mittwoch geschlossen, dem Zensus zuliebe wurde den 40 Millionen Einwohnern ein Feiertag verordnet. Die Kirchners flogen heim nach El Calafate in Patagonien, 2500 Kilometer südlich von Buenos Aires. Dort besitzen sie nahe des berühmten Gletschers Perito Moreno ein Haus und Hotels, bei jeder Gelegenheit zieht sich die mächtigste Familie der Nation in dieses Refugium neben Bergen und dem See Lago Argentino zurück.

Am Vormittag, die Datensammler waren gerade unterwegs von Tür zu Tür, kam die Nachricht. Néstor Kirchner, 60 Jahre alt, hatte am Morgen das Herz versagt, er konnte nicht wiederbelebt werden. "Herzstillstand mit plötzlichem Tod", meldeten die Ärzte. Argentinien ist schockiert. Kirchner hatte für die Peronistische Partei von 2003 bis 2007 regiert und das achtgrößte Land der Erde aus der Krise geführt, seither ist seine Frau Cristina Fernández de Kirchner Präsidentin. An der Meinung über die beiden scheiden sich die Geister, sie haben viele Anhänger und noch mehr Gegner. Sicher ist, dass dieses Paar die Republik so sehr beherrscht hat wie zuvor nur die Parteigründer Juan Domingo und Evita Perón. Kirchner wollte bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr wieder antreten, die politischen Manöver waren in vollem Gange. Jetzt endet sein Leben in dieser Provinz Santa Cruz, wo es begonnen hatte.

Kirchner kam 1950 in Rio Gallegos an der Südspitze des südamerikanischen Festlandes zur Welt, 300 Kilometer entfernt von seinem Todesort El Calafate. Sein Vater war deutsch- schweizerischen Ursprungs, daher der Nachname, seine Mutter stammte von Chilenen mit kroatischen Wurzeln ab. Wegen seiner Herkunft nannte man ihn "Pinguino", Pinguin. Er studierte in La Plata Jura und lernte seine spätere Gattin Cristina kennen, beide gehörten zum linken Flügel der Peronisten. Während der Militärdiktatur arbeiteten die zwei in seiner Heimat als Anwälte, nachher machten sie Karriere. Er wurde Bürgermeister und Gouverneur, seine Frau wurde Senatorin. Nach dem Staatsbankrott 2001/2002 ließ sich der damals weitgehend unbekannte Kandidat 2003 mangels Alternativen zum Präsidenten wählen.

Dank abgewerteter Währung und globaler Nachfrage nach Rohstoffen erholte sich Argentinien. Der Reformer setzte dabei eher auf einen nationalen Kapitalismus als auf die neoliberalen Rezepte des Vorgängers. Außerdem unterstütze der groß gewachsene Mann mit dem schielenden Blick und der lispelnden Stimme eine Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen. Und er schuf eine Dynastie. Seine Schwester Alicia wurde Ministerin. 2007 löste ihn seine Ehepartnerin Cristina Fernández de Kirchner im höchsten Amt ab. 2011 sollte er wieder übernehmen.

Beide wohnten sieben Jahre lang in der Präsidentenresidenz Los Olivos. Durch rüden Umgang mit ebenfalls streitfreudigen Gegnern und wegen Korruptionsverdachts machte sich das Duo Kirchner viele Feinde. Kirchner zog bis zuletzt auch während der Präsidentschaft seiner Frau die Fäden, ohne Rücksicht auf seine Gesundheit. Zweimal musste er wegen Herzproblemen notoperiert worden. Beim dritten Mal kam jede Hilfe zu spät. Die Familienregierung ist gestorben. Argentinien wird es spüren.

Sie nannten ihn "Pinguin"

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