Von Nina Bovensiepen

Wer seinen Job verliert, ist selten faul, aber häufig unglücklich: Auch Ökonomen betonen inzwischen, dass Arbeitslose gefordert und gefördert werden müssen.

Die Worte Gerhard Schröders fanden ein empörtes Echo. "Es gibt kein Recht auf Faulheit", ließ der Kanzler das Land im Jahr 2001 via Bild-Zeitung wissen. Es hagelte Kritik. Seitdem mögen Politiker die Worte dezenter wählen - der Vorwurf aber ist nicht aus der Welt: dass Arbeitslose in Wahrheit Arbeitsunwillige sind, die bequem sind und sich nicht genügend um einen Job bemühen.

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Eine Szene aus einer deutschen Arbeitsagentur (© Foto: dpa)

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Traditionelle Wirtschaftswissenschaften stützen diese These häufig. Rational wägten die Betroffenen ab, wie viel Geld ihnen ein Job im Vergleich zur staatlichen Hilfe bringe, meinen viele Ökonomen. Neuerdings ernten sie damit aber in der eigenen Zunft Widerspruch. "Das Schicksal der Arbeitslosigkeit hat nichts mit Faulenzerei zu tun, sondern ist fast immer ein aufgezwungenes Phänomen", sagt Rainer Winkelmann, Professor für Statistik und empirische Ökonomie an der Universität Zürich.

Zukunftsfach Glücksforschung

Winkelmann gehört zu jener Avantgarde von Wirtschaftswissenschaftlern, die sich mit der so genannten Glücksforschung beschäftigen, einer Disziplin, die Erkenntnisse der Hirnforschung, Psychologie und Philosophie berücksichtigt. Mit einer Studie hat Winkelmann belegt, dass Arbeitslosigkeit geradezu krank macht - oder zumindest sehr unglücklich.

Über fünf Jahre hat er bei mehr als 3000 Personen beobachtet, wie sich Krankheiten, eine Scheidung oder Entlassung auf das Wohlbefinden auswirken. Arbeitslosigkeit ist danach eines der größten Übel. Sie wird ähnlich fatal empfunden wie eine Krankheit oder das Scheitern der Ehe. "Eine Heirat etwa wirkt weniger positiv auf das Glücksgefühl als die erfolgreiche Jobsuche", sagt Winkelmann.

Nach Ansicht des britischen Ökonomen Richard Layard ist für Arbeitslose der Einkommensverlust dabei weniger schlimm als der Verlust von Selbstwertgefühl und sozialen Kontakten. "Wirtschaftswissenschaftler verkennen diese Tatsache völlig und behaupten sogar gelegentlich, die zusätzliche Freiheit sei doch ein echter Gewinn für die Arbeitslosen", meint Layard. Der Brite gilt als einer der Vordenker der Glücksforschung und ist zugleich ein renommierter Ökonom: Er beriet die Regierung in Großbritannien bei mehreren Arbeitsmarktreformen.

Das Glück als Maßstab

In seinem Buch "Die glückliche Gesellschaft" fordert er einen Kurswechsel von Politik und Wirtschaft. So hält Layard das Wirtschaftswachstum für den falschen Maßstab, Wohlstand zu messen. Nicht auf das Bruttosozialprodukt sollten Regierungen starren, vielmehr gelte es, das durchschnittliche Glück der Menschen zu ermitteln und vor allem die zu berücksichtigen, die in schwierigen Umständen leben.

Eine hohe Arbeitslosigkeit, so Layard, wirke auch deshalb fatal auf eine Gesellschaft, weil darunter nicht nur die Betroffenen leiden, sondern auch ihr Umfeld. Sprich: Je mehr Menschen arbeitslos sind, umso schlechter ist die Stimmung im ganzen Land.

Ein Patentrezept gegen die Arbeitslosigkeit haben auch die Glücksforscher nicht parat. Aber einige Erkenntnisse hält die junge Disziplin für Politiker bereit. So rät Layard den Kontinentaleuropäern, nicht darauf zu hören, "wenn ihre Kollegen aus den USA und Großbritannien ihnen raten, den Kündigungsschutz zu lockern". Um die Effekte einer Senkung des Kündigungsschutzes streiten Experten seit langem. Weil Arbeitsplatzsicherheit für das Wohlbefinden der Europäer aber sehr wichtig sei, sollte dies das entscheidende Argument gegen eine Lockerung sein, meint der Brite.

Hartz IV als richtiger Ansatz

Wer angesichts solcher Ratschläge denkt, die Glücksforschung sei ein reines Wohlfühlfach, irrt. So gehen etwa die Hartz-Gesetze auch auf die britischen Arbeitsmarktreformen zurück, an denen Layard mitgewirkt hat. Die Mischung aus Fordern und Fördern, auf denen Hartz IV beruht, halten traditionelle Ökonomen, Politiker, Glücks- und andere Forscher allesamt für den richtigen Ansatz.

In Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden haben ähnliche Gesetze zu deutlich sinkenden Arbeitslosenquoten geführt. Britischen Erwerbslosen etwa werden die Leistungen drastisch gekürzt, wenn sie sich nicht glaubhaft um einen Job bemühen. Sie müssen regelmäßig zu Gesprächen mit ihrem Betreuer im Arbeitsamt und an allen Maßnahmen teilnehmen, die dieser für sinnvoll hält. Zwischen 1993 und 2003 ist die Arbeitslosenquote in dem Land von zehn auf fünf Prozent gesunken.

Die Grundlagen dafür wurden nach Meinung von Ökonomen freilich schon früher gelegt: mit dem harten Reformkurs von Margaret Thatcher. In ihrer Regierungszeit drängte die Premierministerin zum Beispiel die Macht der Gewerkschaften zurück und schränkte den Kündigungsschutz massiv ein - eine Richtung, die Union und FDP in Deutschland gerne einschlagen würden.

Erfolge in Skandinavien

Auch Dänemark hat seinen Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren reformiert. Der Kündigungsschutz war dort schon immer gering, die Dänen trieben die Flexibilisierung aber weiter voran. Das hat dazu geführt, dass heute fast jeder Dritte einmal im Jahr den Job wechselt. Die Erwerbslosenquote sank von 9,6 auf 5,6 Prozent.

Auch Schwedens Premier Göran Persson hat Reformen durchgesetzt und die Arbeitslosigkeit gesenkt. Erwerbslose müssen etwa auch weit entfernte Jobs annehmen oder eine Arbeit, die nichts mit ihrer Ausbildung zu tun hat. Seinem Kollegen Gerhard Schröder riet Persson einmal: "Sei rüde, sei ehrlich, mach es schnell."

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