Arbeitslosigkeit Das Rundum-Sorglos-Amt

Ein junger Auszubildender bei einem Automobilhersteller. Anders als im Rest Europas ist die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland vergleichsweise niedrig.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Fünf verschiedene Behördenstellen unter einem Dach - Hamburg kämpft mit einer Politik der kurzen Wege erfolgreich gegen die Jugendarbeitslosigkeit.

Von Thomas Hahn, Hamburg

Nadja aus Hamburg ist 23 Jahre alt, alleinerziehende Mutter eines fünfjährigen Sohnes und eine starke Frau mit Schwächen. Mit freundlicher Hingabe macht sie den Umstand wett, dass ihre Talente nicht zu einem Schulabschluss gereicht haben. Doch im vergangenen Herbst wuchs ihr das eigene Leben über den Kopf. Das Café, in dem sie seit zwei Jahren eine geförderte Ausbildung zur Kellnerin machte, hatte ihr gekündigt. Das Fundament ihrer Zukunft war plötzlich weg. "Das war schon ein Niederschlag", sagt Nadja. Sie brauchte Hilfe, sie ging zur Jugendberufsagentur ihres Bezirks Hamburg-Nord in der Langenhorner Chaussee, Fuhlsbüttel.

Nach der Beratung dort schickte man sie über den Flur zum Jobcenter, um die Fragen rund ums Arbeitslosengeld auszuloten. Und weil auch Mitarbeiter des Bezirksamts ihre Büros in der Agentur hatten, war bald klar, wo im Bezirk Nadja nachhaltige Hilfe bekommen konnte. Seither besucht sie eine Einrichtung des Projekts "come in", eine Art Förderzentrum für bedürftige Menschen unter 25, die Hamburgs Sozialbehörde mit EU-Geld betreibt. Nadja lernt dort, nach einer neuen Chance zu greifen. "Man geht hier in die Schule eigentlich", sagt sie und ist froh drum.

218 Jugendberufsagenturen gibt es bundesweit - hier werden die Kräfte gebündelt

Über die Fürsorge des Staates kann man streiten. Soll nicht jeder aus seinem Leben machen können, was er will? Auch wenn er nichts draus machen will? Ist das nicht eine Anmaßung des Staates, seine jungen Leute ständig beraten und auffangen zu wollen? Oder ist es im Gegenteil seine Pflicht, ihnen rechtzeitig klar zu machen, dass ein Leben ohne Ausbildung leicht in Arbeitslosigkeit und Armut mündet? In Deutschland tendiert der Staat zu Letzterer Ansicht. Er fährt gut damit. Die Jugendarbeitslosigkeit ist gering im Vergleich zum Rest Europas. Und jemand wie Nadja ist dankbar dafür, dass sie niemand fallen lässt, bloß weil ihr Leben etwas komplizierter ist als das anderer.

Der Trend geht sogar zu mehr staatlicher Fürsorge. Genauer gesagt: zu intelligenterer staatlicher Fürsorge. Die Jugendberufsagenturen sind das Werkzeug einer modernen Verwaltung, die ihre Kräfte bündelt im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit und für mehr junge Fachkräfte in einer alternden Gesellschaft. 218 solcher Agenturen zählte die Bundesagentur für Arbeit Ende Juli 2015 bundesweit. Tendenz steigend. Und Hamburg hat dieses Werkzeug auf ein neues Niveau gehoben.

Für Alena Billon, die Koordinatorin der Jugendberufsagentur Hamburg, war es gar nicht so leicht, einen schnellen Termin für ein Gespräch zu finden. Denn auch wenn die Frage einfach klingt, was das für eine Einrichtung sei, für die sie tätig ist - die Antwort darauf kann nicht einer allein geben. Die Jugendberufsagentur Hamburg ist keine klassische Behörde. Sondern ein Netzwerk aus Vertretern verschiedener Rechtskreise, ein ganzes System in sich greifender Dienstleistungen, das nur ein Ziel kennt: Menschen unter 25 möglichst direkt auf den Weg ins Berufsleben zu bringen. Im zehnten Stock des Hamburger Instituts für Berufliche Bildung (HIBB) sitzt deshalb jetzt eine ganze Mannschaft verschiedener Partner und erklärt gemeinsam, wie sie alle zusammen die Jugendberufsagentur Hamburg sind.

Die meisten Jugendberufsagenturen zielen darauf ab, die Arbeit von Jobcenter, Agentur für Arbeit und Jugendamt abzustimmen. Aber den Hamburgern unter SPD-Bürgermeister Olaf Scholz war das nicht genug Abstimmung. Sie schufen 2012 eine Art Super-Jugendberufsagentur, die die Förderprogramme von Jobcenter, Arbeitsagentur und Jugendamt mit denen der Bezirksämter und der Schulbehörde an sieben Standorten für die sieben Hamburger Bezirke unter ein Dach brachte. "Hamburg ist eine der wenigen Jugendberufsagenturen, die das umgesetzt haben", sagt Paul Ebsen, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.

Die Veränderung kam aus der Not. Dirk Triebe, der stellvertretende Vorsitzende des Jobcenters team.arbeit.hamburg, erinnert sich noch gut, wie der Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit vor acht Jahren aussah, als er in seine heutige Funktion kam: "Da gab es eine ziemliche Bandbreite an Möglichkeiten, sich um Jugendliche zu kümmern", sagt er, "diese Bemühungen waren alle gut gemeint, aber inhaltlich und zeitlich nicht gut aufeinander abgestimmt." Für jedes Angebot war eine andere Behörde zuständig. Förderprogramme liefen ins Leere. Viele Schulabgänger fanden keine Ausbildung, weil sie im unkoordinierten System durchs Netz schlüpften. "Die Ausgangssituation war dramatisch", sagt Hartmut Sturm, am HIBB Geschäftsbereichsleiter für den Übergang Schule/Beruf, "wir wussten von fast 2000 Jugendlichen eines Jahrgangs nicht, wo die sind, was die machen. Deshalb konnten wir denen auch kein Angebot machen."

Abhilfe musste her. Niemand sollte mehr verloren gehen. Das System sollte sich den Bedürfnissen jedes einzelnen Jugendlichen anpassen, statt wie bisher sich der Jugendliche dem System mit seinen Behördengängen und vorgefertigten Abläufen. Die kurzen Wege und die schlankere Bürokratie des Stadtstaates erleichterten die Neuorientierung. Und Politik wie Agentur für Arbeit verwässerten die Idee nicht durch falsche Sparsamkeit. "Hier war man von Anfang an bereit, Geld in die Hand zu nehmen", sagt Triebe, "für Personal, für neue Räume, damit das System auch wirklich unter ein Dach passte."

In Notlagen hat immer irgendein Mitarbeiter der Agentur ein Gesprächsangebot parat

Und heute? Den Behörden-Dschungel gibt es nicht mehr. Junge Erwachsene, die sich an die Jugendberufsagentur wenden, bekommen einen festen Ansprechpartner, der in Absprache mit allen Trägern passende Angebote zusammenstellt. "Wir haben die Möglichkeit, über den Flur zu gehen und Hilfe zu organisieren", sagt Matthias Quaeschning, Referatsleiter für die Jugendberufsagentur im HIBB. Auch in besonderen Notlagen. "Deswegen sitzen bezirkliche Mitarbeiter in den Standorten", erklärt Susanne Otto, Sozialraum-Managerin aus dem Bezirksamt Hamburg-Nord, "die kennen sich aus im gesamten Jugendhilfesystem, die können bei Bedarf eine Schuldnerberatung organisieren, eine Suchtberatung, eine Kita für eine junge Mutter."

Jugendliche entschwinden nicht mehr so leicht ins Ungewisse, weil die Jugendberufsagentur durch ihr Netzwerk heute sofort erfährt, wenn jemand die Ausbildung abbricht; zur Not stehen bei dem dann irgendwann Mitarbeiter der Jugendberufsagentur mit einem Gesprächsangebot auf der Matte - "aufsuchende Beratung" nennen das die Fachleute. Sturm sagt: "Früher hatten wir Komm-Strukturen. Komm doch, und dann gucken wir mal, was wir mit dir anfangen können. Jetzt gehen wir auf die jungen Leute zu."

Die Jugendberufsagentur Hamburg ist noch zu jung für eine wasserdichte Erfolgsbilanz. Sie lässt sich von einer Unternehmensberatung durchleuchten. Und natürlich kann auch das neue System nicht immer verhindern, dass ein junger Mensch in die Armut abrutscht. "Die Jugendberufsagentur ist ein Angebot", sagt Alena Billon. Nicht jeder lässt sich auf die Mühen ein, die es mit sich bringt. "Manche Leute geben ihr Leben total ab", hat Nadja beobachtet.

Sie selbst tut das nicht, und nach Stand der Dinge wird ihre Geschichte gut enden nach der Hilfe der Jugendberufsagentur. Der Rechtsstreit mit ihrem früheren Arbeitgeber ist zu ihren Gunsten ausgegangen. Und nach ihrer Zeit in der Lebensschule von "come in" will die junge Mutter eine Teilzeitausbildung als Textil-Verkäuferin anfangen.