Bergung der Germanwings-Absturzopfer Arbeit am Abgrund

600 Frauen und Männer arbeiten daran, die Opfer zu bergen, um die 200 direkt an der Absturzstelle.

(Foto: REUTERS)
  • Auf einer etwa 400 mal 300 Meter großen Fläche in einem entlegenen Tal liegt, was von Flug 4U 9525 übrig geblieben ist. Bei der Bergung der sterblichen Überreste versuchen die Franzosen Pietät zu wahren.
  • 600 Frauen und Männer arbeiten dort, um die 200 direkt an der Absturzstelle. Die Identifizierung der 150 Leichen wird mehrere Wochen in Anspruch nehmen.
  • Im Tal stehen für die Experten und Sicherheitskräfte bei Bedarf Psychologen bereit. Die Arbeit an diesem "Ground Zero" ist seelischer Dauerstress.
Von Oliver Klasen und Christian Wernicke, Seyne-les-Alpes

Auf der Wiese in einer Senke unterhalb der Départementstraße 900, etwa zwei Kilometer südöstlich von Seyne-les-Alpes, stehen drei Helikopter der Gendarmerie, bereit zum Abheben, bereit, wieder in das Gebirgsmassiv zu fliegen, wo auf einer etwa 400 mal 300 Meter großen Fläche das liegt, was von Flug 4U 9525 übrig geblieben ist.

Der Hubschrauber-Startplatz liegt in der Nähe eines kleinen Gewerbegebiets mit Baustoffhandel, Auto-Verwertungsfirma und Intermarché-Supermarkt. Am Mittwoch haben hier Angela Merkel und François Hollande eine Pressekonferenz gegeben. Jetzt ist es ruhiger geworden, viele der Fernsehteams mit ihren Satelliten-Übertragungswagen sind abgereist. Aber die Rettungs- und Bergungskräfte machen weiter ihre Arbeit. Sie werden Wochen brauchen.

Immer wieder fahren am Freitagmittag Fahrzeuge durch die von Gendarmen bewachte Absperrung. Es sind Einheiten von Polizei und Innenministerium auf Motorrädern, in Trucks und manchmal auch in schwarzen Limousinen; es kommen die Wagen der Bergwacht und der Gebirgsjäger. Die Feuerwehr schafft Seilwinden und anderes schweres Gerät heran. Nur Journalisten werden nicht durchgelassen.

Das französische Innenministerium hat den Zugang zum Ort der Katastrophe weiträumig abgeriegelt. Die Beweise sollen gesichert werden. Und aus Respekt vor den Toten will die Regierung in Paris Bilder mit Leichenteilen mit aller Macht verhindern.

David Galtier, Armeegeneral

"Wir reden hier von menschlichen Körpern. Und so behandeln wir sie auch."

Die Bergungsarbeiten auf 1600 Meter Höhe in den französischen Alpen kommen nur schleppend voran. Alle Experten, Gendarmen, Bergretter und Gebirgsjäger müssen täglich per Hubschrauber ins entlegene Tal eingeflogen werden, der Fußmarsch dauert mit drei Stunden zu lang. 600 Frauen und Männer arbeiten dort, um die 200 direkt an der Absturzstelle. Die Piloten der Transporthubschrauber halten Distanz zum Unglücksort, um nicht Staub oder Metallteile des Wracks aufzuwirbeln. Das könnte Spuren verwischen und die Helfer gefährden. Für den Zugang am oberen Ende der Unglücksstelle werden einzelne Personen von den Helikoptern an Stahlseilen herabgelassen, zum Teil aus mehr als 50 Metern Höhe.

Oliver Cousin, der Chef der französischen Bergwacht, sagt: "Die Gegend ist extrem gefährlich, es ist nicht nur steil, sondern auch rutschig." Deshalb agieren die Helfer stets im Duett: Ein Bergretter oder Gebirgsjäger, gewappnet mit Steigeisen und Eispickel, sichert per Seil einen Ermittler. "Wir müssen absolutes Vertrauen haben. Schließlich hat er mein Leben in seinen Händen", sagt ein Kriminaltechniker, der an der Absturzstelle Spuren sichert, einer Mitteilung des Innenministeriums zufolge.

Jedes Detail zählt: Rechtsmediziner sammeln nun "Ante-Mortem-Daten"

Die Identifizierung der 150 Leichen wird mehrere Wochen in Anspruch nehmen. "Wir wollen den Angehörigen die sterblichen Überreste so früh wie möglich zurückgeben. Aber wir haben nicht einen einzigen kompletten Leichnam gefunden", sagt Oberst Patrick Touron vom kriminaltechnischen Institut der Gendarmerie.

Die Angehörigen, die am Donnerstag persönlich in Seyne-les-Alpes waren, wurden mittels Wattestäbchen-Abstrich im Mund um eine DNA-Probe gebeten, um die Identifizierung zu erleichtern. Blutproben sollen noch genommen werden. Außerdem, sagt Georges Léonetti von der Universität in Marseille, soll von jedem Opfer mit Hilfe der Behörden in Deutschland und Spanien eine Art medizinisches Dossier angelegt werden. Gab es Operationen oder körperliche Auffälligkeiten? Liegt ein Zahnschema vor? "Ante-mortem-Daten", also eindeutige Merkmale, die vor dem Tod der Absturzopfer festgestellt wurden, so nennt der Rechtsmediziner das, was die Ermittler jetzt brauchen. "Wir können die Identifizierung der Körperteile, die wir finden, nur mit einem Vergleich vornehmen", sagt Léonetti. Dabei sollen auch Anthropologen helfen, die zum Beispiel anhand der Knochenformen Geschlecht und Größe eines Menschen zuordnen können. In Seyne-les-Alpes befinden sich derzeit 36 Rechtsmediziner und DNA-Experten.

Germanwings-Absturz in Frankreich Copilot war wegen psychischer Probleme krankgeschrieben

Andreas Lubitz hätte am Tag des Absturzes gar nicht fliegen dürfen - der Copilot war krankgeschrieben. Bei der Hausdurchsuchung fanden Ermittler eine entsprechende Notiz. Nach SZ-Informationen soll sie ein Psychiater ausgestellt haben.

Bei der Bergung der sterblichen Überreste versuchen die Franzosen Pietät zu wahren. "Wir reden hier von menschlichen Körpern - und so behandeln wir sie auch", sagt David Galtier, der für die Region zuständige Armeegeneral. Die gefundenen Körperteile werden auf gelben Bahren aus dem Krisengebiet geflogen und dann unten im Tal penibel sortiert, Sack für Sack. Nach Zeugenaussagen ist kein Teil größer als ein halber Meter.

Im Tal stehen für die Experten und Sicherheitskräfte bei Bedarf Psychologen bereit. Die Arbeit an diesem "Ground Zero" ist seelischer Dauerstress, auch nach Sonnenuntergang, wenn die Hubschrauber weg sind. Jeweils fünf Gendarmen bleiben über die Nacht in den Bergen, um die Unglücksstelle zu sichern. "Es fordert alle bis auf Äußerste", sagt Xavier Vialenc, Presseoffizier der Gendarmerie. Den Vergleich mit den Sucharbeiten in den Trümmern des World Trade Centers in New York nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 weist Vialenc nicht zurück.