Al-Dschasira und der Emir von Katar Politik mit Fernsehbildern

Al-Dschasira ist das erfolgreichste Fernsehprogramm in der arabischen Welt - aber nicht nur das: Der Emir von Katar nutzt den populären Sender, um seinen Einfluss in der arabischen Welt auszuweiten. Er unterstützt die libysche Revolution und unterhält gute Beziehungen sowohl zu den USA als auch zu Iran. Schon neiden andere arabische Staaten dem Empörkömmling aus Katar die außenpolitischen Erfolge.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Der ägyptische Informationsminister machte ein strenges Gesicht und kündigte rechtliche Schritte gegen Satellitensender an, die "in dieser Umbruchsphase Stabilität und öffentliche Sicherheit" gefährdeten. Was die Medienfreiheit angeht, setzt Medienminister Osama Haikal im postrevolutionären Ägypten die Tradition des gestürzten Machthabers Hosni Mubarak fort: Das Kairoer Al-Dschasira-Büro wurde jetzt geschlossen, jedenfalls die für die Ägypten-Berichterstattung zuständige Abteilung. Die Reportagen über die schleppende Demokratisierung hatten dem regierenden Militärrat wohl missfallen.

Die Schließung des für seine emotionalen, oft einseitigen Berichte bekannten Senders ist ein Warnschuss für ein Ziel in weiter Ferne: Al-Dschasira gehört dem Emir von Katar, und der residiert fünf Flugstunden von Kairo entfernt in Doha am Persischen Golf. Emir Hamad bin Khalifa al-Thani nutzt den in der islamischen Welt populären Sender, um Politik zu machen. Und die besteht derzeit in der Unterstützung der Aufstände in den arabischen Staaten. So soll al-Dschasira den Aufständischen in Syrien verbotene Satellitentelefone für Liveberichte geliefert haben. Auch in Ägypten kritisieren die Reporter des Senders die neue Regierung so hart und manchmal auch so unfair wie die alte.

Katar, Mitglied im Golf-Kooperationsrat GCC, betreibt eine zunehmend eigenständige Außenpolitik. Das Zwergemirat ist zu einem der wichtigsten Spieler in der arabischen Welt geworden, und al-Dschasira ist eines seiner wirkungsvollsten Instrumente.

Seite an Seite mit Franzosen und Briten

Der Rohstoffreichtum des Landes - riesige Erdgas-Reserven und Öl - ermöglichen dem Autokraten Thani neben dem Ausbau des TV-Senders auch großzügige Hilfsprogramme für weniger bemittelte Brüder. Beim libyschen Aufstand gegen Muammar al-Gaddafi flogen Katari-Jets Seite an Seite mit französischen und britischen Maschinen. Hinter den Frontlinien unterstützte der Emir die Rebellen mit Geld, Treibstoff, Waffen und Ausbildern.

Überzeugt hatte die Kataris ein libyscher Islamgelehrter, der eine Weile lang mit Gaddafi zusammengearbeitet hatte: Ali Salabi war von Gaddafis Sohn Saif al-Islam vor einigen Jahren beauftragt worden, inhaftierte Al-Qaida-Kämpfer theologisch von der Erfolglosigkeit ihrer Militanz abzubringen. Später ging Salabi nach Doha ins Exil: Er soll im Sommer den Emir erfolgreich bearbeitet haben, Gewehre und Munition zu schicken.

Geld spielt für Katars Führung keine große Rolle. Das Emirat half den lange unter der israelischen Totalblockade leidenden Palästinensern im Gaza-Streifen. Es finanzierte den Wiederaufbau des Südlibanon mit, der im Krieg zwischen der Schiitenmiliz Hisbollah und der israelischen Armee zerstört worden war. Auch bei den sich mit großer Regelmäßigkeit wiederholenden Beinahe-Katastrophen im Libanon, wo die einzelnen Religionsgruppen bis aufs Blut verfeindet sind, vermittelte der Emir persönlich - und erfolgreich.

Enge Verbindungen nach Washuington - aber auch zu Iran

Die anderen arabischen Staaten betrachten die Politik des selbstbewussten Herrschers mit Verärgerung. Thani ist der Herbergsvater einer riesigen Basis für das "US-Central Command", unterhält gute Beziehungen nach Washington. Zugleich kommt er mit den benachbarten Iranern klar, die mit den meisten arabischen Staaten über Kreuz liegen.

Europäische Unternehmen hingegen sehen in dem konservativ islamischen Golf-Emirat einen Zukunftsmarkt. Siemens ist dort, der Vorstand lobt den "strategischen Weitblick" der Führung. Bei Hochtief erkennt man "ein unglaubliches Bemühen, alles richtig zu machen beim Aufbau des Landes". Zwischen 80 und 100 Milliarden Dollar soll Katars Staats-Investmentgesellschaft QIA angesammelt haben; allein 2010 wurden 30 Milliarden investiert.

Saudis, Syrer und Ägypter halten sich für die legitimen Puppenspieler auf der innerarabischen Bühne. Sie neiden dem Emporkömmling aus Katar erkennbar jeden seiner Erfolge. Nicht nur auf politischem und wirtschaftlichem Terrain: Die Fußballweltmeisterschaft 2022 wird in dem Wüstenstaat stattfinden - in vollklimatisierten Stadien, bei Außentemperaturen um die 50 Grad. Eine WM in Ägypten mit seiner Chaos-Metropole Kairo? Das war unter Mubarak kaum denkbar - und wird auch nach der Revolution nicht wahrscheinlicher werden.