Appell an Verteidigungsministerin von der Leyen Bruch mit Hindenburg

Reichspräsident Hindenburg 1930 in der Uniform der Kaiserlichen Armee samt Pickelhaube.

(Foto: SZ Photo)

100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges fordern 32 Historiker, dass Kasernen nicht länger Namen kaiserlicher Kriegshelden tragen sollen. Von der Verteidigungsministerin verlangen sie eine "Neuorientierung". Dabei würde es genügen, die Richtlinien zur Traditionspflege der Bundeswehr konsequent anzuwenden.

Von Oliver Das Gupta

Traditionspflege beim Militär war den Nazis wichtig. Deshalb ließen sie Kasernen nach deutschen Helden aus dem Ersten Weltkrieg benennen. General Bruno von Mudra etwa wurde auf diese Weise geehrt. Der Offizier kommandierte zwischen 1914 und 1918 an der West- und Ostfront. 1938 wurde eine neue Wehrmachts-Kaserne in Köln nach Mudra benannt.

Für die Nazis war der Offizier ein unverdächtiges Idol: Er hatte nicht nur an der Front einzelne Erfolge, sondern pochte noch im Oktober 1918 darauf, den verlorenen Krieg weiterzuführen. Während der Weimarer Republik gehörte er einer rechtsradikalen Partei an, strickte an der Dolchstoßlegende (hier mehr dazu) und schwafelte vom nächsten Krieg. Die Machtergreifung der Nazis erlebte Mudra nicht mehr, aber das Hitler-Regime ehrte ihn - eine Ehrung, die den Zweiten Weltkrieg überdauert hat.

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Die Kölner Kaserne trägt auch heute noch Mudras Namen. Inzwischen residiert dort das Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr.

Dieser und ähnliche Fälle haben den Allgäuer Lehrer Jakob Knab dazu gebracht, einen Appell zu initiieren. 32 deutsche und internationale Historiker und Gelehrte haben das Papier unterschrieben. Sie fordern Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) darin auf, die Namensgebung zahlreicher Bundeswehrkasernen zu überdenken. Viele Kasernen trügen noch die Namen von Offizieren des Ersten Weltkriegs, die sich Kriegsverbrechen schuldig gemacht oder extrem nationalistische Ansichten vertreten hätten.

100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs sei "Anlass zum Innehalten, Nachdenken und zur Neuorientierung", heißt es in dem Aufruf, der SZ.de vorliegt. Der Mythos des Kriegserlebnisses habe einen Grundpfeiler der NS-Ideologie gebildet. "Auch noch in der Bundeswehr leben Überreste dieses kriegerischen Milieus weiter", heißt es in dem Papier, das unter anderem die namhaften Militärhistoriker Jochen Böhler, Christa Ehrmann-Hämmerle und Wolfram Wette unterschrieben haben.

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Neben der Mudra-Kaserne sind weitere Beispiele aufgeführt:

  • Die Emmich-Cambrai Kaserne (Hannover): Ernst von Emmich war kommandierender General während der Kämpfe um die belgische Festung Lüttich (Liège) im August 1914. Damals verübten deutsche Soldaten Gräuel an der Bevölkerung. Mehr als 800 Zivilisten starben. Zuvor hatte die deutsche Armee das neutrale Belgien überfallen - ein Bruch des Völkerrechts.
  • Die Hindenburg-Kaserne (Munster): Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg galt nach seinem Sieg gegen die russische Armee bei Tannenberg als Held. Als Leiter der Obersten Heeresleitung stand er seit August 1916 für Militärherrschaft und totale Mobilmachung von Wirtschaft und Gesellschaft zugunsten einer radikalen Siegfriedenspolitik. Nach dem Ende des Krieges initiierte und nährte Hindenburg die Dolchstoßlegende, die besagte, dass (linke) Politiker in der Heimat die Armee verraten hätten. In der Weimarer Republik wurde der Greis Reichspräsident, ernannte 1933 Adolf Hitler zum neuen Reichskanzler und segnete den Kurs der beginnenden NS-Diktatur ab. Auch zahlreiche Straßen in Deutschland sind noch nach Hindenburg benannt - was inzwischen immer häufiger für Diskussionen sorgt.
  • Tirpitz-Mole (Kiel): Großadmiral Alfred von Tirpitz forcierte den Flottenbau vor 1914 und war ein Berater des Kaisers, der einen großen Krieg befürwortete. Tirpitz war auch der Führer der rechtsradikalen Deutschen Vaterlandspartei. Nach dem Krieg drang er auf einen Revanchekrieg und versuchte die Aussöhnungspolitik demokratischer deutscher Politiker zu torpedieren. In Kiel ist auf dem Marinestützpunkt die Mole nach ihm benannt - in der Nähe der Kielline (früher Hindenburg-Ufer).

Ob und wie Bundesverteidigungsministerin von der Leyen auf den Appell reagiert, ist unklar. Eine Anfrage von SZ.de an ihr Ministerium blieb bislang unbeantwortet.

Dabei würde es genügen, wenn von der Leyen und ihre Mitarbeiter einen Blick in die "Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr" werfen. Dort heißt es unter Punkt 29:

"Kasernen und andere Einrichtungen der Bundeswehr können mit Zustimmung des Bundesministers der Verteidigung nach Persönlichkeiten benannt werden, die sich durch ihr gesamtes Wirken oder eine herausragende Tat um Freiheit und Recht verdient gemacht haben."

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