Antisemitismus zwischen Weltkriegen Wie Akademiker Juden verraten haben

Girlanden der Wissenschaft: Parade zum Führergeburtstag 1935, vorbei an der Berliner Humboldt-Universität.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Schon vor der Machtergreifung der Nazis diskriminierten europäische Universitäten Juden. Ein Sammelband belegt grassierenden Antisemitismus - und kaum verborgene Zustimmung aus den USA.

Rezension von Johannes Koll

Die Professionalisierung der Wissenschaften seit der Mitte des 19. Jahrhunderts blieb nicht ohne dunkle Seiten: Nicht zuletzt der Antisemitismus, der bis zum Zweiten Weltkrieg in einem heute kaum vorstellbaren Maß das Leben an Universitäten kennzeichnete, verweist darauf, dass "die Methode rationaler Forschung keine hinreichende Garantie für die humane Verwendung ihrer Ergebnisse bietet."

Der "Verrat der Akademiker an humanen Grundwerten", den Konrad H. Jarausch feststellt, war freilich nicht auf Deutschland beschränkt. Für die Zwischenkriegszeit zeigt dies in aller Klarheit der Sammelband "Alma Mater Antisemitica", den das Wiener Wiesenthal-Institut im Sommer herausgegeben hat. Im Mittelpunkt stehen Deutschland, Österreich, Rumänien, Polen, Ungarn und das Königreich Jugoslawien; am Rande werden auch Italien und die Vereinigten Staaten behandelt. In seiner Gesamtheit wirft das Buch - wie es in der Einleitung heißt - einen "vergleichenden Blick auf ein Kapitel der Vorbedingungen der Schoah".

Alltäglicher Hass

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Worin äußerte sich Antisemitismus zwischen den Weltkriegen? Zentral war die Forderung, jüdische Akademiker nur entsprechend ihres prozentualen Anteils an der Gesamtbevölkerung zum Studium zuzulassen ("Numerus clausus") oder gar gänzlich von den Universitäten auszuschließen ("Numerus nullus").

Auch exzessive Gewalt gegen Juden sowie die Forderung nach der Einführung von "judenfreien Tagen" oder von "Ghetto-Bänken", die jüdische von nicht-jüdischen Kommilitonen in den Hörsälen trennen sollten, gehörten zum Instrumentarium antisemitischer Agitation. In Polen hatte Antisemitismus noch eine besonders skurrile Note: Katholische Ultra-Nationalisten beharrten darauf, dass jüdische Medizinstudenten nicht christliche Leichen sezieren durften.

Bei all dem musste Antisemitismus nicht notwendigerweise in Gesetzesform gegossen sein. Das Bestreben, Juden systematisch aus dem akademischen Leben auszuschließen, kam aus den betreffenden Gesellschaften heraus: Studierende und Professoren zogen oft an einem Strang, um schon lange vor der "Machtergreifung" der Nazis in Deutschland Jüdinnen und Juden den Aufenthalt an den Universitäten schwer oder gar unmöglich zu machen.

Mehr noch: Zahlreiche Universitäten waren Meister darin, staatliche Diskriminierungsverbote oder den Minderheitenschutz zu umgehen, für den sich der Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg stark gemacht hatte. Doch auch in Volksvertretungen und Regierungen mangelte es nicht an antijüdischer Einstellung.

Deutschnationaler Antisemitismus als Modell für andere Antisemiten

Das Buch kommt zu einer ernüchternden Bilanz: Mindestens zwei Jahrzehnte bevor das NS-Regime mit dem organisierten Massenmord an der jüdischen Bevölkerung begann, war Antisemitismus in den ost- und mitteleuropäischen Ländern gesellschaftliche Normalität - nicht nur, aber auch an den Hohen Schulen. Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass zu diesem zutiefst antidemokratischen Aspekt politischer Kultur auch Deutschland und Österreich gehörten.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die Bedeutung des Nationalsozialismus für die Geschichte des Antisemitismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts relativiert werden muss.

R. Fritz, G. Rossolinski-Liebe, J. Starek (Hg.): Alma Mater Antisemitica. Akademisches Milieu, Juden und Antisemitismus an den Universitäten Europas zwischen 1918 und 1939. New Academic Press, Wien 2016. 328 Seiten 24,90 Euro.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Die Antwort kann nur verneint werden. Denn zum einen steht völlig außer Zweifel, dass NS-Deutschland die Verantwortung für die Schoah trug. Zum anderen wurde die jüdische Bevölkerung in keinem anderen Land derart konsequent verfolgt wie im "Dritten Reich", das sich im März 1938 mit dem "Anschluss" Österreichs zum "Großdeutschen Reich" weitete.

Und auch wenn die politische Rechte in Deutschland und Österreich aufmerksam die antisemitische Propaganda und Praxis im Osten und Süden der eigenen Staatsgrenzen beobachtete, standen Deutschland und Österreich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in mancherlei Hinsicht Modell für Mittel- und Osteuropa.

Dies gilt für die schlagenden Burschenschaften, von 1933 beziehungsweise 1938 an dann für den Ausschluss von jüdischen Studierenden oder die "Säuberung" des Lehrkörpers nach politischen und rassistischen Kriterien.

Verständnis von US-Rektoren

So liegt der Wert von "Alma Mater Antisemitica" darin, den historischen Kontext deutlich werden zu lassen, in dem Hitlers NS-Bewegung agierte - und den sie ihrerseits bis hin zur Schoah radikalisierte. Mit der Weitung des Blicks auf Ost- und Mitteleuropa greift das Buch Fragestellungen auf, die in den Ländern selbst unter den Bedingungen des Kalten Krieges lange Zeit nicht angemessen bearbeitet worden sind.

Seine Ergebnisse laden zugleich dazu ein, in Zukunft verstärkt Spuren von Antisemitismus an den Hochschulen von West- und Nordeuropa unter die Lupe zu nehmen. Stephen H. Norwood weist jedenfalls nach, dass nicht einmal die USA vor Antisemitismus gefeit waren: Etliche Präsidenten von amerikanischen (Elite-)Universitäten unterhielten bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs freundschaftliche Verbindungen zu NS-Rektoren in Deutschland, manche begrüßten gar die Marginalisierung oder den Ausschluss von jüdischen Studierenden oder Wissenschaftlern an Universitäten im "Dritten Reich".

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Während Wehrmacht und SS-Einsatzkommandos in der Sowjetunion wüteten, sah beispielsweise der Präsident der jesuitischen Fordham University (New York) NS-Deutschland als Verbündeten im Kampf gegen das bolschewistische Russland und meinte gut zwei Monate vor der deutschen Kriegserklärung an die USA, die Verteidigung Großbritanniens sei nicht ein einziges amerikanisches Menschenleben wert.

Solch ein Thema hat nicht nur historiografischen Wert. In einer Zeit, in der populistische Parteien und Regierungen politisches Kapital aus der Not von Flüchtlingen schlagen wollen, kann der Rückblick auf hochproblematische Diskurse und gesellschaftliche Praktiken für mögliche neuerliche Fehlentwicklungen sensibilisieren. Hoffentlich steht dabei die akademische Welt diesmal nicht wieder auf der falschen Seite.

Johannes Koll ist Neuzeit-Historiker. Er forscht in Wien und leitet dort ein Universitätsarchiv.