Antisemitismus von Muslimen Von Fremden und Feinden

Der Nahostkonflikt führt immer wieder zu anti-israelischen Aufwallungen. Im Bild eine Demonstration vor der al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg.

(Foto: AP)

Der Politologe David Ranan sieht den Antisemitismus von Muslimen vor allem als eine Folge des Nahostkonflikts. Eine große Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland will er derzeit nicht erkennen.

Von Ludger Heid

Ein Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst des Antisemitismus. Aktuell erleben viele Juden im Land der Täter Ablehnung und Hass in neuem Gewand - muslimischer Antisemitismus bestimmt die Schlagzeilen. Und das in Deutschland, wo jedwede Form von Judenfeindlichkeit nach dem Holocaust argwöhnisch registriert wird.

Wenn auf Anti-Israel-Demonstrationen Nationalflaggen mit dem Davidstern brennen, "Juden ins Gas" skandiert wird, ein Rabbiner 2012 in Berlin von arabischen Jugendlichen attackiert und verletzt wird, 2016/17 ein jüdischer Schüler in Berlin-Friedenau so lange von muslimischen Mitschülern gemobbt wird, bis seine Eltern ihn von der Schule nehmen, oder wenn ganz aktuell eine Zweitklässlerin in Berlin-Tempelhof angepöbelt wird, weil sie nicht an Allah glaubt, - Beispiele pars pro toto -, erschrickt die deutsche Öffentlichkeit. Der Zentralrat der Juden äußert dann seine tiefe Besorgnis, und die politisch Handelnden geben pflichtschuldig ihre bekannten Statements ab.

Die These: Muslime und Juden machen mit Antisemitismus Politik

Mit muslimischem, islamischem oder islamistischem Antisemitismus setzen sich seit längerem nicht nur Politiker, sondern auch Wissenschaftler auseinander. Einer von ihnen ist der Kultur- und Politikwissenschaftler David Ranan, der kategorisch feststellt, dass mit Antisemitismus auch Politik gemacht wird. Seine These: Nach vielen Jahren, in denen mit Antisemitismus gegen Juden Politik gemacht wurde, werde auch mit Antisemitismus von jüdischer und israelischer Seite Politik gemacht, indem Kritiker und Gegner "gern" als Judenfeinde bezeichnet werden.

Der Befund einer vom Bundestag in Auftrag gegebenen Studie des "Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus" aus dem Jahr 2017, der Perspektiven der jüdischen Bevölkerung im Umgang mit Antisemitismus erkunden sollte, ist deutlich: 88 Prozent der Befragten gaben an, dass antisemitische Vorkommnisse sie sehr berühren würden. Besonders häufig wurden muslimische Personen als Täter angegeben. Antisemitismus im Internet, in Diskussionsforen und sozialen Netzwerken ("bedeutende Triebfedern des Antisemitismus") sehen 87 Prozent als eher großes oder gar sehr großes Problem, Antisemitismus auf Demonstrationen 78 Prozent, antisemitische Kommentare in Diskussionen (Schule/Arbeitsplatz) 74 Prozent, verbale Beleidigungen oder Belästigungen gegenüber Jüdinnen/Juden 69 Prozent und körperliche Angriffe 50 Prozent.

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Als Erklärung für ihre Befürchtungen wurde von nahezu allen Befragten die Einwanderung von Flüchtlingen mit muslimisch-arabischem Hintergrund genannt, die den Antisemitismus aus ihren Heimatländern mitbrächten. Doch dieselbe Studie zeigt, dass sich 77 Prozent der Interviewten in Deutschland wohlfühlen. Ein Paradox. Daran ändert auch nichts, dass jüdischerseits ein Verzicht "auf das Tragen jüdischer Symbole" in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

In Deutschland wie in anderen europäischen Ländern scheint der Antisemitismus die Politik mehr zu beschäftigen als Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Aber auch für die Muslime selbst, folgert Ranan, also die tatsächlichen oder vermeintlichen "Täter", ist Antisemitismus eine relevante Größe oder sollte es zumindest sein. Denn durch die Annahme eines muslimisch motivierten Antisemitismus werden "die Muslime" stigmatisiert - und in einer Zeit, in der sie aus anderen Gründen bereits unter Beobachtung stehen, macht der Antisemitismusvorwurf es ihnen nicht leichter.

All das birgt einiges an Sprengstoff, denn zwei Faktoren kommen zusammen: Die muslimische Welt erlebt seit Jahren einen internen theologischen und ideologischen Macht- und Deutungskampf, dem sich Hass auf die Existenz eines Judenstaats inmitten der arabischen Welt hinzugesellt. Beim Thema muslimischer Antisemitismus werden nun beide hochexplosiven Topoi in einen Topf geworfen.

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Während auf jüdischer Seite Angst herrscht, gibt es auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft ein großes Unbehagen - sowohl in der Beziehung zu Juden als auch zu Muslimen, zu deren "Verhalten und den Sorgen", die damit verbunden sind. Auf muslimischer Seite wiederum herrscht im Allgemeinen Unverständnis über die Beschuldigung, obwohl auch Stimmen zu hören sind - allerdings nicht viele -, die muslimischen Antisemitismus als Problem wahrnehmen.

Der Nahost-Konflikt ist zentral für die Meinungen über und die Einstellung zu Juden

David Ranan beschäftigt sich, eigener Selbsteinschätzung nach, mit dem Thema nicht "unbedarft". Er ist ein in Israel aufgewachsener Jude, der mit der allgemeinen Einstellung, dass "der" Araber der Feind sei, zwar nicht erzogen wurde, aber doch umgeben war.

Aus dem Ringen um den Nahostkonflikt entstanden zwei Narrative: "Ersonnen" wurde eine palästinensische Nationalgeschichte, während auf israelischer Seite an einem muslimischen Antisemitismus gearbeitet worden sei. In einer Welt, in der Rassismus, Kolonialismus und Antisemitismus negativ konnotiert sind, versuchten Muslime, Israel und das ganze Konzept des jüdischen Landes als Kolonialprojekt und als rassistisch zu delegitimieren. Dagegen bemühe sich Israel, die Muslime als antisemitisch zu brandmarken.

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Ranan, der gerade in Berlin forscht, hat für sein Buch mehr als 70 in Deutschland lebende Muslime, vor allem Studenten und Akademiker, interviewt. Als Indikator für die Vermessung einer antisemitischen Haltung zeigte sich: Es gibt ein Repertoire von Stereotypen, Vorurteilen und Verschwörungstheorien; der Koran spielt keine Rolle für die Haltung gegenüber Juden; der Nahost-Konflikt ist zentral für die Meinungen über und die Einstellung zu Juden, wobei die Verwechslung der Begriffe Jude, Zionist und Israeli verbreitet ist.

Während Nichtmuslime antijüdische Haltungen aus politischer Korrektheit oder wegen der allgemeinen Tabuisierung des Antisemitismus in anti-israelische (anti-zionistische) Aussagen umleiten, geht David Ranan davon aus, dass es sich bei den meisten Muslimen, die negativ über Israelis oder Zionisten sprechen, nicht um "getarnten" Antisemitismus handelt. Bei ihnen bestehe ein direkter Bezug zum ungelösten Territorialkonflikt, weil sie entweder persönlich von ihm betroffen sind oder weil sie sich mit den Betroffenen aus "panarabischen Gründen" oder solchen, die die "muslimische Weltgemeinschaft" betreffen, identifizieren.

Ein leicht entzündliches Gemisch.

Ranans Antwort auf die im Untertitel gestellte Frage lautet: Ja, es gibt einen Antisemitismus, der unter Muslimen "angeblich prävalent" oder "jedenfalls prävalenter" ausgeprägt ist als in der nicht-muslimischen Welt. Für ihn ist er "unangenehm, manchmal sogar bedrohlich", aber eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden will Ranan nicht erkennen. Doch könnte die Art, in der man den Nahost-Konflikt wie auch "sporadische antijüdische Eruptionen manipuliert", dazu führen, dass daraus tatsächlich eine Gefahr entsteht.

Dennoch: die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hat allen Grund, besorgt zu sein, dass unter den Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, viele aus Ländern stammen, in denen Israel zum Feindbild gehört. Sie sind zionistenfeindlich sozialisiert und übertragen ihre Ressentiments häufig auf Juden generell. Auch wenn Ranan sehr oft den Konjunktiv benutzt ("könnte man meinen") und das Wort "scheint" bemüht, lautet sein Fazit auf den Punkt gebracht: Die Verknüpfung von Antisemitismus und muslimischer "Gefahr" ist ein leicht entzündliches Gemisch.

Ludger Heid ist Neuzeithistoriker und lebt in Duisburg.

David Ranan: Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn 2018. 222 Seiten, 19,90 Euro.

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