Antisemitismus In Frankreich geht die Angst um

Im April 2017, noch vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen, besuchte Macron die Shoah-Gedenkstätte in Paris.

(Foto: Philippe Wojazer/AFP)
  • Die Holocaust-Überlebende Mireille Knoll wurde vergangenen Freitag mit Messerstichen übersät in ihrer Pariser Wohnung gefunden.
  • Der Fall weckt in der jüdischen Gemeinde böse Erinnerungen, im April 2017 gab es einen ähnlichen Fall.
  • Die Regierung um Präsident Macron versucht, die Zustände zu verbessern. Vergangene Woche stellte sie einen nationalen Plan gegen Rassismus und Antisemitismus vor.
Von Nadia Pantel, Paris

Der gewaltsame Tod einer Holocaust-Überlebenden alarmiert Frankreichs jüdische Gemeinden. Mireille Knoll war neun Jahre alt, als sie im Juli 1942 zum Pariser Vélodrome d'Hiver gebracht werden sollte. Mehr als 13 000 Juden wurden damals von der französischen Polizei an die deutsche Gestapo übergeben und anschließend zu Vernichtungslagern transportiert. Knoll überlebte. Nun wurde die 85-Jährige am Freitag mit Messerstichen übersät tot in ihrer Wohnung im elften Arrondissement in Paris gefunden.

An zwei Orten in der Wohnung war Feuer gelegt worden. Die Polizei geht von einem Verbrechen aus. Am Freitag wurde ein 29-Jähriger wegen Mordverdachts verhaftet, am Montag wurde ein möglicher Komplize verhört. Die Pariser Staatsanwaltschaft sagte am Montagabend, dass sie auch einen antisemitischen Hintergrund der Tat prüfe.

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Der Vorfall ruft in der jüdischen Gemeinde böse Erinnerungen wach. Im April vergangenen Jahres wurde die 65-jährige Jüdin Sarah Halimi von ihrem Nachbarn in ihrer eigenen Wohnung misshandelt und aus dem Fenster gestürzt. Der muslimische Nachbar war nach Aussagen der Familie Halimi vorher wiederholt durch antisemitische Pöbeleien aufgefallen. Nachbarn und Polizei hörten, wie der Täter während des Mordes "Allahu akbar" rief, den Koran rezitierte und schließlich brüllte, er habe den "Teufel getötet". So schockierend die Tat war, so erschütternd war auch, dass sie in den Medien zunächst kaum beachtet wurde. Erst nach Monaten nannte die Staatsanwaltschaft Antisemitismus als mögliches Tatmotiv.

In einem ähnlich gelagerten Fall dauerte es Monate, bis Hass auf Juden als mögliches Tatmotiv galt

Der Vorsitzende des Dachverbandes der jüdischen Organisationen (Crif), Francis Kalifat, sprach am Montag von einer "tiefen Beunruhigung der Juden Frankreichs". Und der jüdische, rechtskonservative Politiker Meyer Habib schreibt auf seiner Facebook-Seite: "Ich befürchte, dass Mireille Knoll nach Sarah Halimi nun das neue Opfer dieses Judenhasses wird, der in den Quartiers grassiert und seine Wurzeln im Islamismus hat." Der mutmaßliche Mörder sei, so Habib, ein muslimischer Nachbar, den Knoll schon lange kannte.

Dass Habib so schnell Verdächtigungen ausspricht, zeigt, wie unsicher sich Juden heute in Frankreich fühlen. Spätestens seit der Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris parallel zu dem Anschlag auf die Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo durch islamistische Terroristen im Januar 2015 spricht man von einer "Welle der Gewalt" gegenüber den Juden des Landes. Neu ist der Antisemitismus weder in Frankreich noch im Rest Europas. In den Neunzigerjahren waren es Rechtsradikale, die jüdische Friedhöfe und Synagogen schändeten und Juden und Muslime angriffen. Heute ist es der islamistisch geprägte Judenhass mancher muslimischer Jugendlicher, der Antisemitismus in Frankreich erneut zur alltäglichen Bedrohung macht.

Ein Umstand, auf den die Pariser Politik selten reagierte. Denn auch die Muslime sind zahlreichen gewaltsamen Angriffen und Beleidigungen ausgesetzt. Aus Angst, die Diskriminierung der einen zu verstärken, wird die Diskriminierung der anderen verschwiegen. "Es schmerzt, dass wir gefangen sind zwischen dem traditionellen Antisemitismus der Rechtsradikalen, dem Antizionismus der Linksradikalen und dem muslimischen Antisemitismus, der bei den 15- bis 25-Jährigen sehr präsent ist", sagt der Crif-Vorsitzende Kalifat.

Mit der Präsidentschaft von Emmanuel Macron könnte nun eine Zeit begonnen haben, in der die politische Führung sich demonstrativer schützend vor die Juden des Landes stellt. Auf dem Höhepunkt seiner Präsidentschaftskampagne, zwischen den beiden Wahlgängen, besuchte Macron im April 2017 die Schoah-Gedenkstätte in Paris. Und als sich am 17. Juli 2017 die Massenfestnahme im Vel d'Hiv zum 75. Mal jährte, fand Macron klare Worte: "Es war Frankreich, das diese Razzia organisiert hat und die anschließenden Deportationen, die für beinahe alle 13 152 Juden, die damals aus ihren Familien herausgerissen wurden, den Tod brachte." Die rechtsradikale Politikerin Marine Le Pen hatte wiederholt versucht, die Razzia als Werk der deutschen Nazis darzustellen und so Frankreich aus der Verantwortung zu nehmen.

Premierminister Édouard Philippe stellte vergangene Woche einen nationalen Plan gegen Rassismus und Antisemitismus vor. Zwar gehe die Gesamtzahl rassistisch motivierter Verbrechen zurück, doch der Anteil gewalttätiger Übergriffe steige. Die Jewish Agency meldet, dass zwischen 2013 und 2017 27 000 französische Juden nach Israel ausgewandert sind, knapp drei Mal so viele wie in den fünf Jahren zuvor. 2015 erreichte die Auswanderungswelle einen Höhepunkt: 8000 Juden verließen das Land.

Dass die Zahl nun wieder rückläufig ist, hat einen ernüchternden Grund. Der Anschlag auf die Strandpromenade in Nizza im Juli 2015 und der Angriff auf den Pariser Club Bataclan im November 2015 zeigten, dass der islamistische Terror Menschen völlig unabhängig von Herkunft und Religion trifft. Die Gewalt richtet sich gegen eine Gesellschaft, in der Juden, Muslime, Christen und Atheisten zusammenleben.

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