Antibiotika in der Tierhaltung Medizinische Geflügelmast

Die Grünen prangern den massiven Einsatz von Arzneimitteln in der Massentierhaltung an und fordern dessen Offenlegung. Hintergrund: Der Einsatz von Antibiotika in der Geflügelmast ist vermutlich weiter gestiegen, doch verlässliche Zahlen gibt es nicht - derweil essen die Deutschen immer mehr Hähnchenfleisch.

Von Sebastian Beck

Trotz aller Berichte über die Zustände in der Massentierhaltung: Der Appetit der Deutschen auf billiges Geflügelfleisch wächst. 2009 konsumierte jeder Bürger im Schnitt 10,7 Kilo Hähnchenfleisch, Tendenz steigend. Doch in welchem Umfang bei der Mast Antibiotika und andere Arzneimittel eingesetzt werden, darüber gibt es bisher nur Vermutungen: Die Grünen wollen deshalb an diesem Donnerstag im Bundestag einen Antrag einbringen, der auf eine bessere Erfassung von Medikamenten in der Geflügelmast abzielt.

Sie reagieren damit auch auf Recherchen des Senders NDR Info, der bereits vor einigen Monaten auf eine merkwürdige Gesetzeslücke zugunsten der Geflügelindustrie hingewiesen hatte: Seit 1. Januar 2011 wird in Deutschland anhand von Postleitzahlen registriert, wohin der Großhandel Tierarzneimittel ausliefert. Doch ausgerechnet die Geflügelwirtschaft wurde davon ausgenommen. Die Bundesregierung begründet dies mit dem Datenschutz: Wegen großen Strukturen in der Branche seien die wenigen Mäster und Tierärzte über Postleitzahlen leicht zu identifizieren.

Christian Meyer, Agrarexperte der Grünen im Landtag von Niedersachsen, vermutet dahinter jedoch den Einfluss der Geflügellobby in seinem Bundesland: Jeder zweite deutsche Mastbetrieb steht in Niedersachsen, wo die Folgen der Massentierhaltung immer kritischer diskutiert werden. Denn in Betrieben mit bis zu 100.000 Tieren ist der Einsatz von Antibiotika so gut wie unvermeidlich, um die Ausbreitung von Seuchen zu verhindern: Penizillin, Neomycin, Toxicyclin - die Liste der zugelassenen Stoffe ließe sich noch verlängern.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte das niedersächsische Landwirtschaftsministerium Zahlen, die das Ausmaß des Gebrauchs von Antibiotika zumindest erahnen lassen: Danach werden pro Mastgang durchschnittlich 2,3 Behandlungen vorgenommen - zehn Jahre zuvor waren es 1,7 Behandlungen. Das Landesamt für Verbraucherschutz in Oldenburg kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Amtstierärzte hätten nach Stichproben sogar von bis zu sechs Behandlungen in 30 Tagen berichtet. Weil die Tiere ohnehin nach knapp fünf Wochen geschlachtet werden, bedeutet dies: Viele Hähnchen und Puten werden fast ihr ganzes Leben lang medikamentiert, andernfalls würden sie schon vorzeitig zugrunde gehen.

Genau diese Praxis wollte die EU aber verhindern, als sie 2006 die Beimischung von Antibiotika in Futtermittel zur Wachstumsförderung untersagte. Denn ihr flächendeckender Einsatz vergrößert das Risiko, dass sich resistente Keime weiter ausbreiten und schließlich dem Menschen gefährlich werden: Laut Robert-Koch-Institut sind diese Keime in Deutschland schon jetzt für jährlich 15.000 Todesfälle verantwortlich.

Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftminister Johannes Remmel (Grüne) fordert deshalb, dass auch Geflügel in die neue Datenbank aufgenommen wird, um verlässliche Zahlen nach Regionen zu erhalten. Unter dem Deckmantel des Datenschutzes werde aber versucht, die Wege der Arzneimittel zu verschleiern, sagte Remmel zu NDR Info. Er hat für Nordrhein-Westfalen eine eigene Untersuchung in Auftrag gegeben. Das Endergebnis stehe zwar noch nicht fest, schränkt Remmel ein, doch schon jetzt zeichne sich ein Trend ab: Der Einsatz von Antibiotika in der Geflügelmast ist auch nach 2006 weiter gestiegen.