Anti-Israel-Demonstrationen "Das ist Berlin und nicht Gaza"

Demonstration am Al-Quds-Tag in Berlin.

(Foto: dpa)

Aufgeladene Stimmung in der Hauptstadt: Am Al-Quds-Tag demonstrieren Hunderte Menschen in Berlin gegen Israel. Redner rufen dazu auf, sich an die Auflagen der Polizei zu halten. Zu Beginn wird es heikel.

  • Am Al-Quds-Tag demonstrieren in Berlin Hunderte Menschen gegen Israel und rufen anti-israelische Sprechchöre. Die Polizei hatte für die Demonstration strenge Auflagen erteilt und etwa das Verbrennen von Gegenständen verboten.
  • Gegendemonstranten bekunden ihre Solidarität mit Israel.
  • Von den Grünen kommt Kritik am Gedenktag, der Zentralrat der Muslime verteidigt Kritik an Israel.

Al-Quds-Gedenktag bringt Anti-Israel-Demonstranten auf die Straße

Begleitet von Aufrufen zu Mäßigung haben am Freitag in Berlin mehrere hundert Menschen gegen Israel protestiert. Die Veranstalter riefen zu Beginn der Demonstration, die anlässlich des Al-Quds-Tags stattfand, zum Verzicht auf antisemitische Hassparolen auf.

Nachdem zuletzt bei Demonstrationen gegen die israelische Militäroffensive im Gazastreifen immer wieder antisemitische Parolen laut geworden waren, hatte die Polizei strenge Auflagen erteilt. So durften bei der Berliner Demonstration, zu der 1500 Menschen angemeldet waren, keine Parolen skandiert werden, in denen Gewalt gegen Juden gutgeheißen wird. Außerdem durften keine Fahnen oder Puppen verbrannt werden.

SZ.de-Berlin-Korrespondent Thorsten Denkler berichtet:

"Vorne auf der Bühne am Adenauerplatz erklärt ein Redner zu Veranstaltungsbeginn die Regeln. Es dürfe keine antisemitischem Rufe geben. 'Im Klartext: Keine Beschimpfungen von Juden.' Die Juden beteten zum selben Gott. 'Gläubige Juden sind unsere Brüder, Zionisten sind unsere Feinde.' Heikel wird es gleich dennoch. Die Demo zieht an einer pro-israelischen Gegendemo vorbei. 'Bitte, haltet eure Emotionen im Zaum. Dies ist Berlin und nicht Gaza', sagt der Redner."

Auf Plakaten wurde ein Ende des israelischen Einsatzes in Gaza gefordert. Mehrere Teilnehmer trugen Fotos von verletzten Zivilisten mit sich. Einige Teilnehmer riefen in Sprechchören "Kindermörder Israel". Auf einem Plakat war zu lesen: "Muslime, Juden, Christen - Hand in Hand gegen Zionismus."

"Ein einsamer Nazi hat sich unter die Menge am Adenauerplatz gemischt. Christopher heiße er und das Wort Nazi bedeute Christ. Er hat noch mehr gesagt. Aber das soll hier nicht stehen. Gut 400 Menschen sind hier. Einige haben die Fahne der Hisbollah umgehängt. Die mit dem Maschinengewehr in der geballten Faust. 'Ganz harmlos', sagt einer der Ordner. Das stehe für Frieden. Er lächelt. Ein Dutzend Polizisten bahnt sich im Gänsemarsch den Weg durch die Menge. Eine Frau, die ein Plakat hochhält, das hier nicht auf Zustimmung stößt, fordern sie auf, den Platz zu verlassen. Sie gibt eher der Hamas die Schuld als den Zionisten, die hier als 'unsere Feinde' bezeichnet werden. Als die Menge der Frau gewahr wird, wird sie als Faschistin beschimpft. Ein Mann bittet per Megaphon um Mäßigung. Das sei genau das, was die Medien hier sehen wollten. Den Gefallen solle ihnen hier keiner tun."

Am Rande der Berliner Demonstration fanden zwei Gegenkundgebungen statt. Ihre Teilnehmer bekundeten Solidarität mit Israel. Bei einem Zusammentreffen kam es zu Wortgefechten. Anlass der Demonstration ist der internationale Al-Quds-Tag. Dieser Tag wurde Ende der 1970er Jahre von dem iranischen Revolutionsführer Khomeini ins Leben gerufen, um gegen die israelische Besatzung der Palästinensergebiete zu protestieren.

Am Abend löste sich die Al-Quds-Demonstration friedlich auf. Die Polizei zeigte sich mit dem Ablauf der Al-Quds- und Gegendemonstrationen zufrieden. Die strengen Auflagen seien gut durchgesetzt worden. Trotz großer Befürchtungen habe man Ausschreitungen verhindern können.

Grünen-Fraktionschefin Göring-Eckardt übt Kritik

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt übte generelle Kritik an dem Gedenktag. "Der Al-Quds-Tag ist im Kern antisemitische Hetze", erklärte sie. "Er ist keine geeignete Plattform für konstruktive Kritik an Israels Politik."

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland warnte derweil vor einer pauschalen Verurteilung israelkritischer Demonstrationen. "Es muss auch möglich sein, die israelische Politik genauso wie die Politik anderer Länder kritisieren zu dürfen", sagte die Generalsekretärin des Zentralrats, Nurhan Soykan, im Deutschlandradio Kultur.

Der israelische Botschafter in Berlin, Yakov Hadas-Handelsman, unterstellte den israelkritischen Demonstranten in Deutschland antisemitische Beweggründe. "Meiner Meinung nach hat die große Mehrheit dieser Demonstrationen nichts mit Israelkritik zu tun, sondern mit Juden- und Israelhass", sagte er im Sender TV-Sender n-tv.

Angriff auf Mann mit jüdischer Kopfbedeckung

Am Donnerstagabend wurde in Berlin nach Polizeiangaben ein Mann mit jüdischer Kopfbedeckung niedergeschlagen. Ein Unbekannter habe dem 18-Jährigen auf der Straße unvermittelt ins Gesicht geschlagen. Der Angegriffene sei in eine nahe gelegene Synagoge geflüchtet. Der Staatsschutz übernahm die Ermittlungen.

Vor der Alten Synagoge in Essen nahm die Polizei in der Nacht zum Freitag vier Männer vorübergehend in Gewahrsam. Zuvor war im Internet zu einem Angriff auf das heute als städtisches Kulturinstitut genutzte Gebäude aufgerufen worden, wie die Ermittler mitteilten. Die Männer waren offenbar daraufhin mit einem Wagen zur der früheren Synagoge gefahren. Was genau sie dort wollten, blieb zunächst unklar.

Linktipp

  • Der Tagesspiegel hat die Demonstrationen im Live-Blog begleitet.