Während sich die Koalition für ihr Ausstiegskonzept lobt, sind Atomkraftgegner entsetzt. Jochen Stay von "ausgestrahlt" sagt, die Kanzlerin habe den gesellschaftlichen Konsens aufgekündigt. Merkel sei nicht nur vor der Energielobby eingeknickt, sondern biete dem neuen FDP-Chef Rösler die Chance, sich zu profilieren - um bis 2013 durchzuhalten.
Geteiltes Echo: Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) lobt die schwarz-gelben Beschlüsse als "konsistent und konsequent", während Greenpeace die Lösung als "absolut inakzeptabel" bezeichnet. Auch Jochen Stay von ausgestrahlt e. V. hält wenig von den schwarz-gelben Plänen. Der Verein ausgestrahlt hat es sich zum Ziel gesetzt, eine breite gesellschaftliche Mehrheit für den Ausstieg aus der Atomkraft zu gewinnen und übernimmt eine wichtige Rolle in der Koordination der lokalen und regionalen Anti-AKW-Bewegungen.
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Jochen Stay, der Sprecher von ausgestrahlt e. V., ist "empört" über die Beschlüsse der schwarz-gelben Regierung zum geplanten Atomausstieg. Der 45-Jährige klagt: Den Energiekonzernen bleiben zu viele Schlupflöcher offen. Zudem seien viele wichtige Fragen unbeantwortet. (© dapd)
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sueddeutsche.de: Die Bundesregierung hat beschlossen, dass die deutschen Atomkraftwerke in zehn Jahren vom Netz gehen. Das schien vor drei Monaten noch undenkbar. Freuen Sie sich?
Jochen Stay: Ich freue mich keineswegs, denn die Beschlüsse sind empörend. Nach der Katastrophe von Fukushima gab sich die schwarz-gelbe Regierung ganz betroffen, doch nun kehrt sie zum business as usual zurück. Dabei hat die Kommission für Reaktorsicherheit gerade erst festgestellt, dass kein deutscher Meiler gegen Flugzeugabstürze geschützt ist.
sueddeutsche.de: Das klingt, als würden Sie der Umweltorganisation Greenpeace zustimmen, für die "Merkel ihr Wort gebrochen und nichts aus Fukushima gelernt" hat.
Stay: Absolut. Sogar der Bundesverband der Energiewirtschaft hält einen Ausstieg 2020 möglich und die schwarz-gelbe Koalition packt da noch zwei Jahre drauf. Die Bundeskanzlerin vertritt hier eine Extremposition und kündigt den gesellschaftlichen Konsens auf. Wer etwa die beiden Meiler im bayerischen Gundremmingen weiterlaufen lassen will, obwohl diese dem Katastrophen-Kraftwerk in Fukushima fatal ähneln, macht sich völlig unglaubwürdig.
sueddeutsche.de: Sie werfen der Berliner Koalition auch vor, mit falschen Zahlen zu operieren.
Stay: Wenn es stimmen sollte, dass die Regierung die Laufzeiten der Atomkraftwerke weiter in Reststrommengen berechnen will und die Stromkontingente abgeschalteter Meiler auf neuere AKW übertragen werden dürfen, dann bedeutet dies, dass nach den acht jetzt stillgelegten Reaktoren kein weiterer vor 2021 vom Netz geht.
sueddeutsche.de: Wie kommen diese Zahlen zustande?
Stay: Offenbar sollen auch Reststrommengen des schon 1988 abgeschalteten AKW Mülheim-Kärlich und des seit 2007 stillstehenden AKW Krümmel übertragen werden können. Zusammen mit den Kontingenten aus den sieben anderen Alt-Meilern, die nun abgeschaltet werden, kommen wir auf einen Wert, der ausreicht, um alle neun neueren Atomkraftwerke bis mindestens 2021 weiter zu betreiben. Kommt es zusätzlich zu längeren Stillständen wegen Störfällen oder Reparaturen, reichen die Strommengen sogar weit über das jetzt angegebene Enddatum für die Nutzung der Atomenergie im Jahr 2022 hinaus. Unterm Strich bedeutet der Koalitionsbeschluss also für eine ganze Reihe von Atomkraftwerken gegenüber dem rot-grünen Szenario eine deutliche Laufzeitverlängerung.
sueddeutsche.de: Sie verweisen darauf, dass zwischen 50 und 57 Prozent der Deutschen einen schnelleren Atomausstieg wollen. Warum ist Angela Merkel so zögerlich?
Stay: Ich vermute, dass sie Rücksicht auf die schwächelnde FDP nimmt, damit diese Koalition noch zwei Jahre durchhält. Der neue Parteichef Philipp Rösler hat es sich offenbar zum Ziel gesetzt, die wenigen Atomkraftbefürworter in Deutschland als Stammwähler für seine Partei zu gewinnen. Es fällt schon auf, dass sich die Liberalen in vielen Punkten durchsetzen konnten. Die Situation erinnert mich auf frappierende Weise an den Herbst 2010.
sueddeutsche.de: Welche Parallelen sehen Sie?
Stay: Im selbsterklärten "Herbst der Entscheidungen", als die Laufzeitverlängerung beschlossen wurde, wollte sich die Bundeskanzlerin als handlungsfähig und durchsetzungsstark präsentieren. Es ging genauso um Imagepflege wie heute bei Rösler und der FDP. Doch die Atomenergie eignet sich nicht für solche Spielchen, dafür sind die Risiken viel zu hoch.
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Obama zeichnet Bob Dylan aus
über Deutschland schmunzeln. Sie hat auch keine andere Alternative.
Durch den Atom-Ausstieg verlieren wir das letzte bisschen von Mitspracherecht - analog zu Österreich.
Zukünftig werden internationale Sicherheitsfragen und Entwicklungen halt ohne Deutschland gemacht. Super - was für ein Gewinn!
Noch einen kurzen Einwurf zum Thema Atom-Müll - von dem alle doch so super Angst haben:
Ich verbrauche ca. 10000kwh Strom, das macht eine CO2 Bilanz meiner Familie von ca. 10 Tonnen CO2 bei Kohle - bzw. 10 Gramm Atom-Müll pro Jahr.
Insgesamt produzieren wir direkt - d.h. ohne Produkte die wir kaufen - aber mit Verkehr, so ca. 35 Tonnen CO2.
Durch klugen Atom-Einsatz - was heute schon in Frankreich funktioniert - Heizung und Strom durch Atom könnte ich ca. 20 Tonnen sparen.
Bio-Sprit E85 und Bio-Diesel als Flugbenzin würde noch mehr Einsparung bringen, dann auf ca. 5 Tonnen CO2.
In dieser Beziehung ist Frankreich der Musterschüler.
Bis 2013 online kommende Kraftwerke sind hocheffiziente Kohleöfen - das hört sich nach Splitterbomben-Abwurf mit chirurgischer Präzision an!!
2013 gehen 6 GW zusätzliche Kohlekraftwerke - haupsächlich Steinkohle - ans Netz.
(Quelle Bundesnetzagentur)
Energievergleich Deutschland / Frankreich
Energie
2008 Deutschland Frankreich
Netto-Energieproduktion (in TkW/h) 639 549
% fossiler Energie 44 4
% nuklearer Energie 23 76
% hydroelektrischer Energie 3 12
% Gas 13 4
% Windkraft 7 1
% Sonnenenergie 1 0,1
% Andere 9 3
CO2-Emissionen pro Einwohner (in Mio. Tonnen) 10,1 6,1
CO2-Emissionen durch Verbrennung (in Mio. Tonnen) 958 527
Quelle: BMWI, MEEDDM, Eurostat
Wer ist jetzt sauberer?
Ein schönes, klares Interview, das deutlich macht, wie sehr wir, die Wähler, wieder an der Nase herum geführt werden. Erst so, dann so, dann die Ethikkommission und nun wieder anders.
Merkel und ihre Regierung spielen ein Verwirrspiel, bei dem die Wähler am Ende nicht mehr wissen, was sie selber wünschen oder wollen.
Wer zu lange und zu schnell im Kreis herum gedreht wird, wird schwindeling und verliert seinen Standort und auch seinen Standpunkt.
Alle neutralen Umwelt-AKW-Strom-Wissenschaftler sagen fast eindeutig, dass es möglich ist, schon um 2013 ohne Atomstrom auszukommen.
Merkel, Seehofer und Rösler belügen seit Jahren - auch was die AKW-s angeht - systematisch die Bevölkerung mit falschen Zahlen aus getrixten Statistiken.
Zuviel geht an der Öffentlichkeit vorbei, insofern bin ich sehr froh über dieses Interview, was hilft, diese Verlogenheit als solche zu erkennen und dass dagegen auch die ganze Bevölkerung sich an Protesten beteiligen kann.
Wer will, kann auch unter www.campact.de ein Protestschreiben gegen 2022 unterschreiben.
Diese Regierung muss endlich wissen, dass sich die BürgerInnen, die ja auch ZeitungslerserInnen sind, nicht mehr für doof verkaufen lassen.
Sie wurden jahrzehntelang von den Atommanagern und ihrer Regierung desinformiert und für dumm verkauft. Dass es jemals ein Erdbeben geben kann, dass die Reaktoren reihenweise dahin schmelzen läßt - den Tsunami brauchte es gar nicht mehr - hat dort wohl niemand geglaubt.
Welche anderen Szenarien dafür sorgen können, dass auch bei uns ein AKW zerstört wird, weiß man längst, aber man weiß nicht, was dooferweise noch alles passieren könnte, was wir uns im Moment einfach nicht vorstellen können. In Tschernobyl glaubte ursprünglich sicher auch niemand, dass allein menschliche Dummheit ausreicht, um eine der größten Katastrophen auszulösen, die auch in 100000 Jahren noch nicht wirklich im Griff ist.
Wenn ich ihre Beiträge lese, wird mir erst recht Angst, denn ich glaube zu wissen, dass unsere AKWs von Händen und Köpfen, wie Ihrem betreut und verwaltet werden.
Vor kurzem sah ich ein Bild, wo gerade die Beschriftung des Reichstags geändert wurde.
Nur was nützt es der Wirtschaft, wenn das Volk, um das es geht, keinen gesunden Lebensraum mehr hat. Kurzfristig nützt es ohne Zweifel. Die Aktienkurse gehen nach oben und die Manager klopfen sich auf die Schulter. Sollen sie doch mal in Japan nachfragen. Dort wo die Gegend um die Fukushima AKWs verseucht ist, kann nicht mehr produziert werden. Die Menschen mussten das Gebiet verlassen. Wo sie alle unterkommen ist den Managern der betroffenen Unternehmen egal. Die wissen längst, wo sie komfortabel weiter leben können und wie sie sich selbst vor Strahlung schützen können.
Es zeigt sich, dass die Union und die FDP von ihren Wahlniederlagen einfach nicht lernen wollen. Nach den nächsten Bundestagswahlen haben wir eine CDU mit vielleicht knapp über 20 % und einer FDP, die im Parlament gar nicht mehr vertreten ist.
Mit wem wird sich die Wirtschaft dann arrangieren müssen?
Es wird interessant zu sehen, wie es in Baden Württemberg in den nächsten Jahren laufen wird.
Leider ist zu befürchten, dass die Überschrift des Interviews zutrifft. Allzu oft war zu bewundern, wie in den Gesetzesinitiativen elende juristische Wortglaubereien mit mehr oder weniger winkeladvokatischen Tendenzen durchgeboxt werden. Im vorliegende Falle wohl eher um die Atom - Lobby zu besänftigen. Nicht umsonst hat Herr Großmann - Vorstandsvorsitzender der RWE schon einmal ein wenig damit gedroht, man werde sich den Kompromiss " sehr genau ansehen". Nach seinem Verständnis hat das Recht der Eigentümer ohnehin höhere Priorität, als das Allgemeinwohl. Insofern möchte ich nicht davon sprechen, dass Frau Merkel eingeknickt sei. Ich spreche viel mehr davon, dass sie sich wieder einmal als Erfüllungsgehilfin bewiesen hat.So ganz nebenbei bleibt unerklärt, wie das mit den " Stand by " Kraftwerken funktionieren soll. Natürlich hat sichere Stromversorgung mit den Klimazielen oberste Priorität. Aber geht es ggf. nicht ein bisschen ehrlicher?
Paging