Von Hans Leyendecker

Auch die im Sauerland festgenommenen Islamisten kommen aus der Mittelschicht, der sie den Rücken kehrten. Die neue Terror-Generation mutet jedoch noch weit seltsamer an als die Professoren- oder Pfarrerskinder, die vor mehr als dreißig Jahren in der RAF zur Waffe griffen.

Die Terroristen damals im "Deutschen Herbst" waren Kinder der Mittelschicht. Sie hielten sich für Linke, aber es handelte sich um konfuse junge Leute, die mit ihrem Elternhaus und mit sich nicht zurechtkamen. Die RAF-Mitglieder sehnten sich danach, irgendeinem Bösen den Garaus zu machen und entwickelten Lust an der Gewalt.

Festgenommen: Der Bundesgerichtshof hat gegen die mutmaßlichen islamistischen Terroristen Haftbefehl erlassen. (© Foto: dpa)

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Zwei der drei festgenommenen mutmaßlichen Terroristen, die angeblich Massaker in der Heimat anrichten wollten und sich so seltsamen Verbindungen wie der Islamischen Dschihad Union angeschlossen haben, deren Ziel die Einführung eines Kalifats in Zentralasien ist, heißen Daniel, und Fritz, mit Vornamen.

Auch diese mutmaßlichen Terroristen, 28 und 22 Jahre alt, sind auf dem Boden unserer Gesellschaft gewachsen. Wie stets bei solchen Anlässen fragt die Öffentlichkeit fassungslos, wie Söhne aus gutem Hause zu solchen Wirrköpfen werden können? Dennoch mutet die neue Terror-Generation noch weit seltsamer an als die Professoren- oder Pfarrerskinder, die vor mehr als dreißig Jahren zur Waffe griffen.

Intensives Koran-Studium

Beide Männer sind zum Islam konvertiert. Beide fielen früh dadurch auf, dass sie sich von den anderen abkapselten. Daniel S., der im Saarbrücker Stadtteil Herrensohr lebte, galt unter seinen Freunden früh als Frömmler. Er verließ das Gymnasium in der 12. Klasse, weil er nicht von Frauen unterrichtet werden wollte und ging oft in die Moschee.

Er betrieb intensiver als andere das Koran-Studium. Er jobbte, fiel auf, weil er eine Geldbörse gestohlen hatte und war meist im Ausland. Er besuchte Koran-Schulen in der arabischen Welt. Guten Kontakt hielt er zu dem einzigen Türken der Gruppe, Adem Y. einem 28-Jährigen, der meist im langen Kaftan ging.

Anführer der Gruppe soll Fritz G., 28, gewesen sein, den sie in den Boulevard-Blättern jetzt "Taliban-Fritz" nennen. Die Bilder zeigen einen hochaufgeschossenen jungen Mann mit wilder Frisur, der von Beamten zum Haftrichter geführt wird. Seine Eltern sind deutsche Mittelschicht: Die Mutter Ärztin, der Vater Ingenieur, einen Bruder hat er auch.

Sie lebten zunächst in München, dann zog die Familie nach Ulm. Die Ehe ging kaputt. Fritz G. blieb beim Vater, der Geschäftsführer einer Firma in Ulm ist. In Ulm bekam der Sohn Kontakt zum radikalen Islam, er konvertierte, fiel als Sprüchemacher auf. Manchmal soll er gesagt haben, dass die Terror-Anschläge richtig seien. "Macht kaputt, was Euch kaputt macht", tönten die Wirrköpfe der RAF.

Schon kurz nach dem Umzug besuchte Fritz G. das Multi-Kulturhaus in Ulm, wo Imame Hass predigten. Sein Name findet sich in Polizeiakten, weil er auf einer Veranstaltung war, an der auch der spätere Todespilot Mohammed Atta auftauchte.

Das ist bekannt, weil damals die Ulmer Szene von amerikanischen Nachrichtendiensten observiert wurde. Er verteilte in Ulm ein islamistisches Magazin, fiel mit seinem Kumpel Sattila S. auf als 2004 Polizeibeamte in ihrem Wagen Propaganda-Material der al-Qaida fanden. Er reiste nach Syrien, Pakistan, besuchte ein Ausbildungslager. Die US-Dienste waren ihm immer auf den Fersen.

Dass er radikaler wurde, war vielen Behörden bekannt. In Polizeiakten gibt es Abschriften von Videos, die G. geschaut hat. Auszüge: "Der Kampf in Tschetschenien ist ein wundervolles Beispiel islamischer Einheit" oder: "Sie wollen das Kreuz über die Fahne des Islams stellen. Sie wollen den Islam mit ihrem Kreuz erniedrigen."

Einige seiner Freunde waren nach Tschetschenien gezogen und dort von Spezialeinheiten getötet worden. Die Fahnder waren ihm immer auf den Fersen, schauten ihm bei seinen Vorbereitungen auf den ganz großen Terror zu. Der Sohn aus gutem Haus, der schon viele Jahre auf einer "Gefährder-Liste" stand und seine Komplizen ähneln in ihrem Vorgehen den Terroristen der ersten Generation der RAF.

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(SZ vom 08./09.09.2007)