In Lahore sterben viele Menschen durch eine Autobombe: Tobias Matern, außenpolitischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung, beantwortet die Frage, inwieweit der Anschlag Pakistan weiter destabilisiert.

Während im Swat-Tal pakistanische Regierungstruppen und Taliban gegeneinander kämpfen, erschütterte an diesem Mittwoch eine gewaltige Explosion die Stadt Lahore. Bei dem Bombenanschlag in der pakistanischen Metropole starben mindestens 23 Menschen, mindestens 250 weitere wurden verletzt.

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Bei einem Anschlag in der Industrie- und Kulturmetropole Lahore im Osten Pakistans wurden circa 30 Menschen getötet. Ein Polizeigebäude wurde vollständig zerstört. (© Foto: Reiters)

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Tobias Matern, Pakistan-Experte der Süddeutschen Zeitung, war zuletzt Anfang Mai auf Recherchereise in der pakistanischen Stadt.

sueddeutsche.de: Herr Matern, was sind die Hintergründe für den verheerenden Autobomben-Anschlag auf eine Polizeistation Lahore?

Tobias Matern: Pakistan befindet sich im Krieg. Die Kooperation mit dem Westen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York führte dazu, dass die Extremisten im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan nicht nur den Westen, sondern auch Pakistan bekämpfen wollen. Die pakistanische Regierung leidet unter diesem Konflikt sehr stark. Diese Strukturen sind geschichtlich bedingt: Der ehemalige Militärmachthaber Pervez Musharraf hat die Extremisten zur Zufriedenstellung des Westens - und auch für Geld aus dem Westen - bekämpft. Andererseits hat er wenig für den demokratischen Wandel und eine funktionierende Zivilgesellschaft getan. Und nur das hätte den Extremisten dauerhaft geschadet. Doch bis heute müssen zum Beispiel im Swat-Tal heftige Militäroperationen stattfinden. Die Extremisten schlagen mit Attentaten zurück.

sueddeutsche.de: Wie und wo ist der Zusammenhang zum Krieg in Afghanistan?

Tobias Matern: Ich vermute, dass der Anschlag eine direkte Vergeltung für die Militäroffensive der pakistanischen Armee im Swat-Tal ist. Diese erfolgt auf Druck des Westens. Außerdem hat die pakistanische Gesellschaft das Gefühl gehabt, dass die Taliban territorial und gesellschaftlich zu weit vorgedrungen sind, dass man jetzt etwas gegen die Extremisten unternehmen muss. Ihre Ideologie hat sich mittlerweile tief in die pakistanische Gesellschaft eingefressen.

Ich habe neulich eine Frauenschule besucht, da wurde den Mädchen von Extremisten vor der Schule gedroht, dass sie für legere Kleidung Säure ins Gesicht bekommen würden. Die College-Leitung hat daraufhin nicht mit einer Anzeige, sondern mit einem Hinweis an die Mädchen reagiert: sie sollten sich traditioneller kleiden.

Seit dem 11. September 2001 sind über 7000 Zivilisten durch Anschläge im Land ums Leben gekommen. Selbstmordattentäter gehen auf Basare, Kinos, sogar in Moscheen. In ganz Pakistan herrscht Angst, der Anschlag von Lahore wird diese Tendenz weiter verstärken. Die Stadt gehört zu den liberalsten in ganz Pakistan, da gibt es McDonald's, Kinos und Theaterbühnen, es ist symbolträchtig, dort zuzuschlagen. Anders als früher, sind viele Menschen in Pakistan nicht mehr bereit, die Taliban zu dulden.

sueddeutsche.de: Wie weit ist die Destabilisierung der Atommacht Pakistan fortgeschritten?

Tobias Matern: Der Teufel, der in Washington an die Wand gemalt wird, ist nicht unbedingt richtig: Ich glaube nicht, dass die Taliban kurz davor sind, Kontrolle über die pakistanischen Atomwaffen zu bekommen. Die Armee geht jetzt mit massiver Gewalt und offenbar hohen zivilen Verlusten gegen die Taliban vor. Man wird abwarten müssen, was nach den militärischen Operationen geschieht. Pakistan wird dann Aufbauhilfe benötigen. Die staatlichen und westlichen Hilfen sind bislang noch nicht weit genug vorgedrungen, vor allem das Grenzgebiet zu Afghanistan ist nach wie vor instabil. Dort gibt es keinerlei staatlichen Einfluss. Das ist nicht neu, das war schon unter der britischen Herrschaft so. Dort gibt es viele unterschiedliche Gruppen: Taliban aus Afghanistan kämpfen gegen den Westen, Taliban aus Pakistan gegen Pakistan. Dann gibt es Gruppen, die Indien schwächen wollen, wieder andere gehören zu Geheimdiensten. Diese Gruppen bekämpfen sich untereinander oder bilden Bündnisse. Da muss man ganz genau überprüfen, wer welches Interesse verfolgt.

Die Fragen stellte Johannes Boie.

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(sueddeutsche.de/odg)