Anschlag in Istanbul "Aber im Herzen, da ist die Angst"

Eine Frau nach dem Anschlag in Istanbuls Zentrum.

(Foto: REUTERS)

Fast leere U-Bahnen, geschlossene Konsulate, Polizisten überall: Wie die ständigen Terroranschläge das boomende Istanbul verändern.

Von Mike Szymanski

Die Istiklal-Straße in Istanbul ist auch Murat Deha Boduroğlus Straße. Er ist dort mehr als ein Gast. Der 46-Jährige Anwalt hat sein Büro hier, er lebt ums Eck. Am Samstagvormittag ist er mit seiner Familie unterwegs. Er will Obst auf dem Markt kaufen. Zum Frühstück soll es frisch gepressten Saft geben. Dann kracht es.

"Es war so laut", sagt Boduroğlu. Als wenig später der Klang der Sirenen in die Stille nach dem Knall eindringt, weiß er, dass etwas Furchtbares passiert ist.

Um 10:55 Uhr Ortszeit ist nun auch die Istiklal zu einem Tatort geworden. Ein Attentäter habe auf der wichtigsten Fußgänger-Einkaufsstraße der türkischen Stadt eine Bombe gezündet, sagt Gouverneur Vasip Şahin. Er habe sich vor einem örtlichen Regierungsbüro auf der Istiklal-Straße in die Luft gesprengt. Von fünf Toten ist die Rede, mindestens 36 Menschen sollen verletzt worden sein, darunter zwölf Ausländer. Auch der Angreifer gehört zu den Toten.

Regierungssprecher und Vizepremier Numan Kurtulmuş sagt: "Wir werden uns nicht an Terror gewöhnen, wir werden unser Leben fortsetzen wie bisher." Das Auswärtige Amt fordert Touristen auf, vorerst in ihren Hotels zu bleiben. Den Anweisungen der türkischen Sicherheitskräfte sei "unbedingt Folge zu leisten". Nicht an Terror gewöhnen? Seit Sommer vergangenen Jahres erlebt die Türkei Terror. Allein die Hauptstadt Ankara wurde drei Mal zum Ziel von Bombenattentätern. In Istanbul hat es im Januar eine deutsche Touristengruppe getroffen, als sich ein Selbstmordbomber auf dem Platz vor der Sultanahmet-Moschee in die Luft sprengte. Zwölf Deutsche kamen ums Leben.

Statt eines Whatsapp-Profilbildes ein Spruch: "Ich liebe mein Leben"

Nimmt man alle größeren Anschläge der letzten Monate zusammen, hat das Land bald 200 Menschen an den Terror verloren - die Opfer der eskalierenden Gewalt im Kurdenkonflikt im Südosten noch gar nicht mitgezählt.

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Wer auch immer bombt, er will das Land kaputt machen. Der Zerstörungswille hat schon viel vernichtet. Es gibt eine Whatsapp-Kontaktgruppe von Deutschen in Istanbul. Statt eines Profilbildes gibt es einen Spruch: "Ich liebe mein Leben." Wenn dieses Land ein ganz normales wäre, müsste dort stehen: Ich liebe dieses Land. Oder: Ich liebe diese Stadt. Aber diese Stadt trauert schon wieder.

Die Istiklal ist an Tagen wie diesen um diese Uhrzeit noch gar nicht ganz wach. Die Cafés füllen sich erst. Manche Geschäfte sperren gerade erst ihre Türen auf. Zum Abend hin ist die Straße immer proppenvoll. Wer weiß, wie viele Tote es gegeben hätte, wenn der Täter später zugeschlagen hätte.