Anschlag in Berlin "Wir sind hier, weil wir alle Menschen sind"

Am Berliner Breitscheidplatz singen Deutsche und Flüchtlinge gemeinsam. Um der Opfer des Anschlags zu gedenken - und ein Zeichen zu setzen.

Reportage von Jakob Schulz, Berlin

"Man kann das nicht akzeptieren", ruft Saleh. "Was hier auf dem Weihnachtsmarkt passiert ist, was in Syrien passiert, was anderswo auf der Welt passiert, wir können das als Menschen nicht akzeptieren!" Der 20-jährige Syrer steht gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche am Berliner Breitscheidplatz. Keine zwei Tage ist es her, dass ein Attentäter mit einem nach jetzigem Kenntnisstand entführten Sattelschlepper über den Weihnachtsmarkt in Berlin-Charlottenburg raste, zwölf Menschen tötete und Dutzende weitere verletzte.

Die Folgen des Anschlags sind überall zu spüren. Sie haben noch mehr schwerbewaffnete Polizisten ins Stadtbild gespült. Sie zeigen sich in jeder Blume und jeder Kerze, die viele Berliner auch an diesem Mittwoch wieder hundertfach rings um den Breitscheidplatz zum Gedenken niederlegen. Der Widerhall des Anschlags gibt Populisten Anlass für neuen Hass, er gibt der Regierungskoalition neuen Zündstoff für den alten Streit um die Flüchtlingspolitik. Und nicht zuletzt erschüttert der Anschlag von Berlin auch zahllose Geflüchtete aus den Krisenregionen dieser Welt, die in der Hauptstadt Zuflucht gefunden haben.

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"Wir sind hier, weil wir alle Menschen sind"

Der Syrer Saleh, sein Kumpel Ibrahim und die anderen jungen Männer sind Mitglieder im Berliner Begegnungschor, in dem Deutsche und Flüchtlinge, "alte und neue Berliner", wie der Chor es selbst ausdrückt, zusammen Musik machen. Gemeinsam mit dem Chor der Gedächtniskirche und Aktivisten der Kampagnenplattform Avaaz haben sie sich an diesem Mittwoch auf dem Breitscheidplatz versammelt, um gemeinsam zu singen. "Wir sind heute nicht hier als Syrer, als Deutsche oder als Geflüchtete", sagt Saleh. "Wir sind hier, weil wir alle Menschen sind."

Einige Hundert Menschen sind der Einladung gefolgt. Sie singen Weihnachtslieder oder "We are the World", sie recken Plakate in die Luft, auf denen steht: "Berlin hält zusammen" oder "Ihr werdet uns nicht spalten". Avaaz-Kampagnenleiter Christoph Schott ist es wichtig, der Opfer des Anschlags zu gedenken und zugleich ein Zeichen zu setzen. Berlin sei schon immer eine bunte Stadt gewesen, in der sich die Kulturen vermischten, sagt er. Schott hat Angst, dass der Terror dieses Zusammenleben zerstören und die Gesellschaft spalten könnte.

Auch Hossam ist heute zum gemeinsamen Singen an den Breitscheidplatz gekommen. Der 28-jährige studierte Jurist kommt aus Aleppo. "Wir sind so traurig", sagt er über den Anschlag vom 19. Dezember. Manche Leute mögen nun vielleicht Angst vor Flüchtlingen haben, fürchtet er. "Natürlich gibt es auch schlechte Menschen unter den Flüchtlingen, die das Leben in Deutschland nicht respektieren." Doch der Syrer ist überzeugt: "Die Menschen in Berlin wissen, dass die meisten Flüchtlinge normale Leute sind."

An normalen Unterricht war an diesem Tag nicht zu denken

Am Breitscheidplatz ist der Innenraum der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in blaues Schummerlicht gehüllt. In den Bänken sitzen junge Männer aus Afghanistan, Irak, Palästina oder Syrien. Sie sind Schüler in Willkommensklassen an der Hans-Böckler-Schule in Kreuzberg. An normalen Unterricht war an diesem Tag nicht zu denken, lässt eine Lehrerin durchblicken. Es sei den jungen Männern ein tiefes Bedürfnis gewesen, über den Anschlag zu sprechen und auch den Ort der Tat zu besuchen. "Wir sind sehr traurig", sagt der 18-jährige Saleem. Gerade haben er und seine Mitschüler sich ins Kondolenzbuch der Kirche eingetragen. "Wir sind Muslime, aber mit dem Terror haben wir nichts zu tun", sagt auch Saleems Mitschüler Mohamad, der aus Damaskus stammt. "Nicht alle Flüchtlinge sind so", sagt er und meint damit den mutmaßlich islamistisch motivierten Attentäter von Berlin.

Vor der Kirche versammelt sich die Gruppe am rot-weiß-gestreiften Absperrband. Ein Polizist mit Maschinenpistole vor der Brust wippt von einem Fuß auf den anderen. Menschen machen Fotos von dem Meer aus Blumen und Kerzen. Mohamad, Saalem, Matikullah und die anderen, alle in viel zu dünnen Jacken, blicken fröstelnd und stumm an den Buden des Weihnachtsmarktes entlang auf die Schneise der Verwüstung, die der Attentäter mit dem Sattelschlepper angerichtet hat.

Nur einen Steinwurf entfernt auf dem Hardenbergplatz wollen sich am Mittwochabend Rechtsextreme versammeln und ihre "Wut kundtun", wie es auf einer Einladung heißt. Die Erschütterungen des Anschlags von Berlin, vielleicht fangen sie gerade erst an.

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