Anschlag in Ankara Nach der Trauer kommt die Wut

In Istanbul gingen die Menschen bereits kurz nach dem Anschlag am Samstag auf die Straße.

(Foto: dpa)
  • Die türkische Regierung nennt PKK, Linksradikale und den Islamischen Staat (IS) als mögliche Verantwortliche für den Anschlag in Ankara. Ultranationale Kräfte wurden nicht als Verdächtige genannt.
  • In Istanbul und Ankara demonstrieren Tausende gegen die Regierung, der viele die Hauptschuld an der Tragödie mit fast 100 Toten geben.
  • Auch in deutschen Städten gingen am Samstagabend Hunderte Menschen auf die Straße.

Türkische Regierung verdächtigt PKK, Linke und IS

Nach dem Anschlag auf eine Friedensdemonstration von Regierungskritikern in der türkischen Hauptstadt Ankara mit fast 100 Toten suchen die Behörden nach den Verantwortlichen. Nach Angaben der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP soll die Zahl der Opfer sogar auf 122 gestiegen sein. Bislang hat sich niemand zu der Tat bekannt. Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu sagte, es deute einiges darauf hin, dass Selbstmordattentäter aus den Reihen der Terrormiliz Islamischer Staat oder der kurdischen Rebellenorganisation PKK für die beiden Explosionen verantwortlich seien. Auch Linksradikale zählen für ihn zu den möglichen Verdächtigen.

Von den Ultranationalen und Anhängern der rechten MHP, die seit Wochen HDP-Büros im ganzen Land und Kurden angreifen - kein Wort. Und das, obwohl das Ziel des Anschlags eine Kundgebung war, zu der viele Kurden und linke Gruppen gekommen waren. Die Demo richtete sich gegen die Gewalteskalation zwischen türkischen Sicherheitskräften und kurdischen Rebellen und sollte zu mehr Demokratie in der Türkei vor der Parlamentswahl am 1. November aufrufen.

"Erdoğan hat befohlen, die Banden haben gemordet!"

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Nun trauert das Land. Offiziell drei Tage - und inoffiziell sicherlich noch viele Jahre. Für das türkische Volk ist es traurige Gewohnheit, dass fast täglich die Medien von Toten bei Scharmützeln zwischen der PKK und türkischen Sicherheitskräften berichten. Mit dem Anschlag vom Samstag mit fast 100 Toten ist allerdings eine neue Eskalationsstufe erreicht.

Tausende protestieren in Istanbul und Ankara gegen die Regierung

Der Schock sitzt tief, doch bald formieren sich auch wütende Proteste im ganzen Land. In Istanbul gehen kurz nach dem Anschlag Tausende Menschen auf die Straße. "Erdoğan hat es befohlen, die Banden haben gemordet!", steht auf einem großen schwarzen Banner einer Gruppe von Demonstranten. Wer sich am Abend nach dem Anschlag zum Protest versammelt, macht vor allem die Regierung für die Tragödie verantwortlich. "Mörder-Staat" steht auf einem Transparent, das die demonstrierenden Massen auf der berühmten Istanbuler Einkaufsmeile Istiklal Caddesi vor sich her tragen. In den Nebenstraßen der Millionenstadt kommt es vereinzelt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei.

Trauerfeiern in Ankara

Sie wollten für den Frieden demonstrieren

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Am Sonntag trauten sich auch in der Hauptstadt die Menschen wieder auf die Straßen. Etwa tausend Menschen versammelten sich auf dem Sihhiye-Platz, wie auf Fernsehbildern zu sehen war, und gedachten der Opfer. Nach Angaben der pro-kurdischen HDP trieb die Einsatzpolizei jedoch eine Delegation aus Abgeordneten und Gewerkschaftern auseinander, als diese Nelken vor dem Anschlagsort ablegen wollten.

Einer der beiden Parteiführer, Selahattin Demirtas, sagte am Sonntag vor Hunderten Trauernden in der Hauptstadt: "Der Staat, dem kein Flügelschlag eines Vogels entgeht, war nicht in der Lage, ein Massaker im Herzen von Ankara zu verhindern". Zum Begräbnis von einem der 95 Anschlagsopfer kamen Tausende. Bei der Zeremonie für den 25-jährigen Korkmaz Tedik wurden die Namen aller Opfer verlesen, die bisher von den Behörden identifiziert wurden. Nach einer Schweigeminute gab es Sprechchöre gegen Staatspräsident Erdoğan und die Regierung.

Mehrere regierungskritische Gewerkschaften kündigten einen zweitägigen Streik an. In einer Presseerklärung hieß es: "Um unserer verstorbenen Freunde zu gedenken und um gegen das faschistische Massaker zu protestieren, sind wir ab morgen im Streik." Alle politischen Parteien, Arbeiter und Berufsverbände sollten sich dem Streik anschließen.

Vor einem Krankenhaus in Ankara, in dem mehrere Opfer des Anschlags behandelt werden, brach Protest aus. Die Demonstranten skandierten "Erdoğan tritt zurück!", berichtet die türkische Zeitung Cumhuriyet.

Kurden in Deutschland zeigen sich solidarisch

Auch in Deutschland gingen viele Kurden auf die Straße. Allein in Stuttgart nahmen 5000 Menschen an einem Demonstrationszug durch die Innenstadt teil. In Mannheim und Freiburg versammelten sich jeweils bis zu 700 Demonstranten, die mit Fahnen und Bannern gegen die türkische Regierung protestierten. "Sag nein zum Staatsterror" forderten 200 Teilnehmer in Karlsruhe. In Heilbronn kamen etwa 350 Menschen zu einer Demo der Kurdischen Gemeinschaft.

In München versammelten sich Demonstranten spontan und legten sich aus Solidarität mit den Opfern von Ankara auf die Pflastersteine.