Von Annette Ramelsberger

Sicherheitsexperten halten die Lage für so dramatisch wie seit 2001 nicht mehr. Die Bundesregierung hat die Sicherheitsvorkehrungen erheblich verstärkt und scheut sich nicht mehr davor, die Bevölkerung auf die kritische Lage einzustimmen.

Die deutschen Sicherheitsbehörden befürchten, dass islamistische Terroristen in allernächster Zeit einen Anschlag in Deutschland verüben wollen. Die Hinweise auf mögliche Attentate hätten sich in den vergangenen Tagen verdichtet, sagte Staatssekretär August Hanning aus dem Bundesinnenministerium: "Wir sind alarmiert."

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Sicherheitsexperten halten die Lage für so dramatisch wie seit 2001 nicht mehr. Es gebe eine ganze Reihe von Anzeichen, die auf Anschlagsvorbereitungen mit Zielrichtung Deutschland hindeuteten. In besonderer Gefahr seien deutsche Soldaten, Polizisten und humanitäre Helfer in Afghanistan.

Dort hat es bereits gezielte Angriffe auf deutsche Botschaftsangehörige gegeben. Erst am vergangenen Wochenende war auch ein Angriff auf die von Deutschen aufgebaute und geleitete afghanische Polizeiakademie verübt worden. Dabei waren 25 afghanische Polizisten ums Leben gekommen.

"Wir sind voll ins Zielspektrum gerückt"

Zudem hat die Bundesregierung Hinweise darauf, dass mindestens zehn Deutsche in Ausbildungslagern von Islamisten im Grenzgebiet zu Pakistan trainieren. Drei deutsche Verdächtige wurden von pakistanischen Behörden in den vergangenen Tagen festgenommen: Zwei von ihnen sind der deutschen Polizei als sogenannte Gefährder bekannt. "Wir sind voll ins Zielspektrum des islamistischen Terrors gerückt", sagte Hanning. "Wir erleben eine neue Qualität der Gefahr: Deutschland wird mit Selbstmordattentätern gedroht."

Hanning bezieht sich auf ein Video, das am 9. Juni aufgenommen und dem US-Sender ABC zugespielt wurde. Es zeigt Mansur Dadullah, den Bruder des erst vor kurzem getöteten Taliban-Militärchefs, der ein ganzes Trainingslager voller kampfbereiter junger Männer in Afghanistan besucht.

Die Männer sagen in dem Video, sie wollten sich als Selbstmordattentäter opfern und seien auf dem Weg nach Kanada, Großbritannien und Deutschland. Diese ausdrückliche Erwähnung Deutschlands treibt die Sicherheitsexperten um. "Wir haben in diesem Sommer eine extrem hohe Bedrohungslage in unserem Land", heißt es.

Die Sicherheitsbehörden befürchten vor allem ein Szenario wie 2004 in Madrid. Dort stand die Parlamentswahl an, die gleichzeitig eine Abstimmung über die Teilnahme Spaniens am Irak-Krieg war. Mit dem Anschlag auf die Vorortzüge in Madrid, bei dem fast 200 Menschen starben, beeinflussten die Terroristen die Wahl: Die Sozialisten gewannen und zogen nach dem Anschlag die Truppen ab. Ähnliches könnte den Sicherheitsbehörden zufolge nun in Deutschland passieren, wo im Oktober der Bundestag über die Verlängerung des Afghanistan-Mandats der Bundeswehr entscheiden soll.

Die Bundesregierung hat die Sicherheitsvorkehrungen erheblich verstärkt und scheut sich nicht mehr davor, die Bevölkerung auf die kritische Lage einzustimmen. So wird der Reiseverkehr aus Afghanistan und Pakistan in die EU stärker überwacht und der Informationsaustausch zwischen den Geheimdiensten noch einmal intensiviert.

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(SZ vom 22. 6. 2007)