Anschlag auf OB-Kandidatin Generalbundesanwalt erhebt Anklage gegen den Attentäter von Köln

Wahlkampfmaterial liegt am 17.10.2015 in Köln am Tatort. Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker wurde einen Tag vor der Wahl bei einer Messerattacke verletzt.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Kurz vor der Wahl stach Frank S. die Kölner OB-Kandidatin Reker nieder. Nun wird er des versuchten Mordes und der fünffachen Körperverletzung angeklagt.

Von Annette Ramelsberger

Die Kandidatin verteilte Rosen, als der Angreifer auf sie zutrat. Freundlich fragte der Mann, ob er eine Rose haben könne. Henriette Reker, die Kandidatin für das Oberbürgermeisteramt in Köln, reichte sie ihm. Sie erinnert sich noch, wie freundlich der Mann lächelte. Dann stach er zu. Das war am 17. Oktober 2015, einen Tag vor der Oberbürgermeisterwahl.

Frank S., 44, der Mann, der auf Henriette Reker einstach, sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Nun hat ihn die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe angeklagt - wegen versuchten Mordes und fünffacher Körperverletzung. Frank S. wird schon bald vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf der Prozess gemacht, in einem Hochsicherheitstrakt hinter Stacheldraht. Es wird der erste Prozess werden gegen einen dieser rechtsradikalen Bürger, die das Recht in die eigenen Faust nehmen wollen und Politiker gern als Volksverräter beschimpfen. Und sie dann auch so behandeln.

Die Ermittler wissen mittlerweile, wie knapp es war. Zehn Zentimeter tief stach der Angreifer Henriette Reker in den Hals. Zweimal durchtrennte er die Luftröhre, das Messer rammte die Wirbelsäule. "Es ist reines Glück, dass nicht die Halsschlagader getroffen wurde", sagt ein Ermittler. Dann zog Frank S. das Messer wieder heraus, beim Zurückziehen erwischte er mit der Klinge die Wange der FDP-Politikerin Katja Hoyer, die neben Reker stand. Der FDP-Frau Anette von Waldow stach er zweimal in den linken Brustkorb, dem grünen Wahlkampfhelfer Pascal Siemens in Ober- und Unterarm. Dort verfehlte er nur knapp eine Arterie. Dann warf Frank S. sein Messer weg, nahm ein zweites, ein Butterfly-Messer, und ging auf die Bezirkspolitikerin Marliese Bethmann los, ihr stieß er das Messer in den Unterleib. Henriette Reker lag da schon am Boden, regungslos. "Die Wahrscheinlichkeit, dass Reker tot liegen bleibt, war größer als die, dass sie wieder gesund wird", sagt ein Fahnder.

Er lässt sich widerstandslos festnehmen

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Danach ist Frank S. ganz ruhig, er lässt sich widerstandslos abführen. Als er im Polizeiauto weggefahren wird, sieht er Reker noch immer auf dem Boden liegen und sagt zu den Polizisten: "Ich hoffe, dass sie noch stirbt." Die Polizisten haben darüber einen Vermerk angefertigt. Der Täter soll auch noch gesagt haben, er tue doch etwas Gutes, die deutsche Regierung begehe Hochverrat und könne ihre Frauen und Kinder nicht mehr schützen. Jeder Deutsche sei verpflichtet, diesem "Terrorregime" entgegenzutreten. Er meint damit auch die Kölner Sozialdezernentin Henriette Reker, die bis dahin für die Unterbringung von Flüchtlingen verantwortlich war. Sie sei mitschuldig, wenn das Land endgültig zum Islam überlaufe, sagt er nach Erinnerung der Polizisten. Unmittelbar danach sprach er mit einer Psychiaterin, die ihn für zurechnungsfähig erklärte. Seitdem spricht er nicht mehr mit Psychologen.

Offenbar hatte er sich darauf vorbereitet, dass er festgenommen wird. Zu Hause hatte er die Festplatte aus dem Computer verschwinden lassen, die Wohnung war ordentlich aufgeräumt.

Nun muss das Oberlandesgericht Düsseldorf über die Tat richten. Aber es kann vieles nicht einbeziehen in seine Urteilsfindung, was man über die Vorgeschichte von Frank S. weiß. Dass er Anfang der Neunziger Jahre bei den rechten Hooligans namens "Berserker" war, dass er wegen Körperverletzung vorbestraft ist, dass er Kontakte zu rechten Parteien wie der verbotenen FAP hatte und ihm die Band "Stahlgewitter" sogar Grüße in den Knast schickte, für die "geile Unterstützung" - all das ist verjährt.

Und die Ermittler haben nichts entdeckt, was darauf hindeutet, dass Frank S. aktuell in der rechten Szene eingebunden ist. Ein einziges Mal habe er 15 Euro an die rechte Partei "Der dritte Weg" überwiesen - für rechtsradikale Aufkleber. Einige Male war er in rechtsgerichteten Internetforen unterwegs, erklärt der Verfassungsschutz. Und offenbar war er auch nicht als V-Mann in der Szene. Das war kolportiert worden. Doch der Mann lebte sehr zurückgezogen, ohne Freunde, ohne Clique, so einer hätte dem Verfassungsschutz nichts genutzt.

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