Anschläge in Wolgograd Das wahre Ziel heißt Sotschi

Erst der Bahnhof, jetzt ein Bus. Wieder erschüttert ein Bombenanschlag Wolgograd. Die russische Regierung vermutet Terroristen aus dem Nordkaukasus dahinter. Ihr eigentliches Ziel liegt weiter südlich: Sotschi, Olympia 2014, Prestige-Objekt von Präsident Putin.

Von Michael König

Der Linienbus mit der Nummer N15 verkehrt in Wolgograd auf der Route zwischen einer Siedlung und dem Stadtzentrum. Gegen 8.30 Uhr Ortszeit (5.30 Uhr deutscher Zeit) explodiert eine Bombe in dem Fahrzeug, mehr als 10 Menschen sterben, mehr als 20 werden verletzt. Fotos zeigen das ausgebrannte und deformierte Fahrzeug in der Nähe von Geschäften. Augenzeugen berichten, die heftige Explosion habe das Dach des Busses weggerissen und ihn in die Luft katapultiert.

Russischen Medien zufolge war der Oberleitungs-Bus voll besetzt, unter anderem mit Schülern. Die russischen Behörden gehen von einem Terroranschlag aus - womöglich verübt von einem männlichen Selbstmordattentäter. Die russische Website Russia Today hat einen englischsprachigen Liveticker mit Fotos, Videos und Reaktionen eingerichtet.

Tatort Wolgograd

Es ist die zweite Explosion in kurzer Zeit in der Großstadt im Süden Russlands. Am Sonntag waren bei einem Anschlag auf den Hauptbahnhof der Stadt mindestens 17 Menschen getötet worden. Die Bombe explodierte im Erdgeschoss des Gebäudes, vor einer Sicherheitsschleuse mit Metalldetektoren. Die Behörden vermuten einen Selbstmordanschlag. Ein Video zeigt die Wucht der Detonation.

Im Oktober war schon einmal ein Bus in Wolgograd Ziel eines Anschlags geworden. Damals wurden sieben Menschen getötet, mehrere weitere verletzt. Auch in diesem Fall gehen die Behörden von einem Selbstmordattentäter aus.

Wer dahinter steckt

Es gibt bislang keine Bekennerschreiben, aber der russische Geheimdienst FSB geht Medienberichten zufolge von einer Verbindung zwischen den jüngsten Anschlägen aus. Beide Bomben seien mit ähnlichen Metallteilen bestückt gewesen. Bei den Tätern soll es sich um islamistische Extremisten handeln, die für eine Abspaltung der russischen Teilrepubliken im Nordkaukasus kämpfen. Vor allem in der Region Dagestan gibt es immer wieder Anschläge auf Regierungseinrichtungen.

Doku Umarow, Anführer der Terroristen und selbst ernannter Emir eines kaukasischen Emirats, hatte im Juli in einer Video-Botschaft zu neuen Anschlägen aufgerufen. Jede Methode und ein Maximum an Gewalt seien erlaubt, um den "Teufelstanz auf den Gebeinen der muslimischen Vorfahren" zu verhindern, sagte Umarow. Gemeint sind die Olympischen Winterspiele, die am 7. Februar in Sotschi beginnen.

Einsatzkräfte am Tatort in Wolgograd

So reagiert Putin

Der russische Präsident hat den Inlandsgeheimdienst FSB beauftragt, sich in die Ermittlungen einzuschalten. Putin entsandte FSB-Chef Alexander Bortnikow nach Wolgograd. Die Hintermänner der Tat sollten so schnell wie möglich enttarnt und verhaftet werden, teilte ein Sprecher des Kremls mit. Landesweit wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Der Rote Platz in Moskau wurde Russia Today zufolge zwischenzeitlich gesperrt.

Putin hatte in der Vergangenheit immer wieder Härte gegen Terroristen aus dem Nordkaukasus demonstriert. "Wir müssen alles tun, um den Drohungen ein Ende zu setzen und Terroristen keine Chance zu geben", sagte er im September. Zu den Anschlägen von Wolgograd äußerte sich der Präsident bislang nicht persönlich.

Was Wolgograd mit Sotschi zu tun hat

Die beiden russischen Städte liegen etwa 700 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt, das ist für russische Verhältnisse eine eher geringe Distanz. Putin will die Olympischen Spiele in Sotschi zu einem Symbol für seine erfolgreiche Regentschaft machen - wohl auch vor diesem Hintergrund hat er politische Gefangene wie die Pussy-Riot-Musikerinnen oder den früheren Öl-Unternehmer Chodorkowskij rechtzeitig begnadigt.

Experten sehen das Motiv der Terroristen darin, Putin zu diskreditieren und den Fokus der Weltöffentlichkeit auf Sotschi zu ihren Zwecken zu nutzen. Anschläge wie jene in Wolgograd könnten die Schwäche der Regierung in Moskau belegen und die Bevölkerung verunsichern. Touristen sollten so davon abgehalten werden, Sotschi während der Spiele zu besuchen.

Russische Politiker und Funktionäre versuchen, die Sorgen zu zerstreuen. "Was die Wettkämpfe betrifft, sind alle notwendigen Sicherheitsmaßnahmen getroffen", sagte der Chef des Nationalen Olympischen Komitees Russlands, Alexander Schukow, der Agentur Interfax. In Sotschi werde es erstmals in der Geschichte der Olympischen Spiele einen speziellen Ausweis für Zuschauer geben. "Dadurch wird jeder Besucher genau identifiziert." 37.000 Polizisten sollen während der Spiele in Sotschi im Einsatz sein.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat den russischen Behörden sein Vertrauen ausgesprochen. Man habe keinen Zweifel daran, dass sie die Sicherheit gewährleisten könnten.

Die "Schwarzen Witwen"

So werden Frauen genannt, die zu Selbstmordattentätern werden, nachdem ihre Männer im Untergrundkampf gegen Russland getötet wurden. "Schwarze Witwen" werden für mehrere Anschläge in russischen Großstädten verantwortlich gemacht. Im März 2010 sprengten sich zwei Frauen in der Moskauer Metro in die Luft. 20 Menschen starben.

Beide Attentate in Wolgograd wurden zunächst mit "schwarzen Witwen" in Verbindung gebracht. Nach dem Anschlag auf den Hauptbahnhof am Sonntag hieß es zunächst, eine Frau aus dem Kaukasus sei die Täterin gewesen. Später meldete die Agentur Interfax, ein slawisch aussehender Mann habe die Bombe gezündet. Auch das Attentat auf den Bus wird russischen Medien zufolge einem Mann zugeschrieben.

Mit Material von dpa, AFP und Reuters