Anschläge in Norwegen Die neue Gefahr ist interreligiös

Über den Stammtisch ist viel hergezogen worden, über seine Intoleranz und über den alkoholtriefenden Satz: "Die sollte man alle . . ." Aber am Ende hat dann doch jemand dem heißesten der Sporne die Hand schwer auf die Schulter gelegt und gesagt: Junge, lass gut sein. Im Internet fehlt das. Dort verschwimmen die Realitätsebenen, verschwindet der Einzelne, von dem niemand weiß, ob er nur redet oder schon Bomben baut. Auch das macht die Forderungen nach neuen Gefährderdateien so hilflos: Einer wie Breivik wäre durch alle Raster geschlüpft.

Eine Seite des "Manifests", das Anders Behring Breivik (hier in seiner englischen Manifest-Version als "Andrew Berwick") veröffentlichte.

(Foto: AFP)

Die Art des Mediums bestimmt die Art der Botschaft, diese These hat der Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan schon 1967 aufgestellt - das gilt auch für den Terrorismus im Internetzeitalter. Der Terrorist braucht Medien, damit sich Angst und Schrecken verbreiten, er braucht Stilisierungen und Heroisierungen, um Nachahmer zu finden und Aufmerksamkeit für seine Motive.

Die Anarchisten des 19. Jahrhunderts nutzten illustrierte Zeitungsberichte, die palästinensischen Gewalttäter des Münchner Olympia-Attentats von 1972 setzten auf Fernsehbilder; der Terrorist des Internetzeitalters stilisiert sich über Facebook und Youtube-Videos. Das Netz bietet unendliche Freiheit und Toleranz, aber eben auch die Einengung und die Spirale des von allen sozialen Filtern befreiten Hasses. Du bist nicht allein mit deinen Mordgelüsten, wie du es am Stammtisch wärest. Und immer gibt es einen, der weiter geht als du.

Von der virtuellen zur echten Gewalt, das hat es auch in Deutschland vor kurzem gegeben, nicht einmal fünf Monate ist es her. Ein 21 Jahre alter Mann aus dem Kosovo hat da am Frankfurter Flughafen zwei Menschen erschossen, Soldaten der US-Armee. Auch er hatte im Internet hassen gelernt, auf den Webseiten islamistischer Gruppen, den in der Szene beliebten Prediger Pierre Vogel eingeschlossen, der natürlich Gewalt ablehnt und es ganz schrecklich fand, wie der Mann der guten Sache schadet. Auch er war einer dieser unauffälligen Einzeltäter, die dann doch nicht allein sind. Bisher war diese Form der Radikalisierung die Domäne der islamischen Hass- und Gewaltprediger mit ihren Dschihad-Propagandavideos. Nun zeigt sich: Die neue Gefahr ist interreligiös.

Immer schon war eine Gesellschaft durch Terroristen umso leichter zu verletzen, je freiheitlicher sie war, in Norwegen wird das besonders klar. Der Einzeltäter aus der Unkenntlichkeit des Netzes verschärft dieses Problem. Ein Grund mehr, den Hasspredigern dort entgegenzutreten, ihren einfachen Weltbildern, ihrer Abwertung des Anderen bis ins Untermenschliche. Egal, welcher Religion sie angehören.