Annette Schavan Getriebene im Sturm der Entrüstung

Sie ist das katholische Alter Ego zur Protestantin Merkel und galt sogar als potentielle Nachfolgerin von Christian Wulff. Dass sie nun ihr Amt verlieren soll, mag tragisch sein - die Fehler in ihrer Doktorarbeit diskreditieren aber nicht ihre politische Lebensleistung.

Von Heribert Prantl

Annette Schavan hat nie zur politischen Angeberwelt gehört, nie zu denen, die sich plustern und blähen. Sie war und ist eine eher stille, aber recht resolute und effektive Arbeiterin im politischen Weinberg - das katholische Alter Ego zu ihrer protestantischen Freundin, der Kanzlerin. Ihrer Rechtschaffenheit wegen rechnete man Schavan noch vor ziemlich genau einem Jahr zum engsten Kreis der potenziellen Nachfolger für den aus dem Amt gejagten Bundespräsidenten Christian Wulff.

Nun, nachdem ihr der Doktortitel aberkannt worden ist, bläst ein Sturm der Entrüstung sie aus einem Amt, das ihr Leben war: Bildungs- und Forschungsministerin. Das mag tragisch sein, ist aber nicht zu ändern. Die Entziehung des Doktortitels und Schavans Streit darüber mit der Uni Düsseldorf machen eine ordentliche Amtsführung subjektiv unmöglich. Schavan hätte der Kanzlerin den Rücktritt schon anbieten sollen, als das Verfahren gegen sie eingeleitet worden ist. Das hätte damals etwas Ehrenhaftes gehabt; ein Rücktritt jetzt hat etwas Getriebenes.

Gewiss: Schavan hat, vor 33 Jahren, beim Abfassen ihrer Doktorarbeit, Fehler gemacht; und sie hat jetzt, nach deren Aufdeckung, Fehler gemacht. Diese Fehler diskreditieren aber nicht Schavans politische Lebensleistung, sie machen sie nicht zur Unperson. Die Häme, die über ihr ausgegossen wird, ist befremdlich. Sie ist ein Menetekel für jeden Politiker.